1. #1
    Avatar von depthcharges Junior Mitglied
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    Vorwort

    Im August 1939, kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, trafen wir uns das erste mal. Georg-Werner Fraatz wurde unser 2. Wachoffizier auf U3 , ein Schulboot der U-Boot-Schulflotille Kiel/Neustadt unter Kapitänleutnant Joachim Schepke. Ich selbst war damals in der Ausbildung zum Funker bzw. hatte mein erstes Kommando als Funker auf diesem Schulboot. Für Fraatz war es das erste Kommando nach seiner Ausbildung in der Crew 35, und er zeigte sich im täglichen Drill recht schnell als zuverlässig, kompetent und äusserst selbstbewusst. Schon damals kommunizierte er ohne jegliche Scheu, seine Stimme war in jeder Situation sicher und so laut, dass mir schnell klar wurde, er wusste immer was er sagte, und wenn er nichts zu sagen hatte, dann sprach er eben nicht. Schepke, selbst eine sehr autoritäre Person, fand in dem Neuen Fraatz einen sachlichen Widersacher, der sich jeden Befehl und jede Bemerkung ohne jegliche Regung gefallen liess. Diese ruhige und gelassene Art gefiel uns sehr, Fraatz war nach wenigen Tagen beliebt bei der Mannschaft und beim Kapitän.
    Nie vergessen kann ich eine Fahrt in das westliche Skagarak. Es war kurz nach 4 Uhr am Morgen, Ende August 39. Gerade war die neue Wache aufgezogen befahl der Kapitän Alarmtauchen. Die alte Wache, teilweise noch halb angezogen, müde von der Nachtwache, stolperte durch das Boot in Richtung Bug, angeschrien von den Uffz doch schneller zu machen ("žHopp hopp hopp hopp"). Fraatz kam als letzer von der Brücke, sehr geschickt landete er im Kommandostand und machte brav seine Meldung, ohne auch nur einen Deut an Erschrockenheit oder Unruhe zu zeigen. Selbst dem Kapitän war ein wenig Adrenalin anzumerken, und die Verwunderung Schepkes über Fraatzs Gelassenheit blieb mir nicht verborgen.
    Schepke befahl eine Tauchtiefe von 100 m. Während das Boot schnell tiefer ging, liess Schepke den Fraatz nicht aus den Augen. 80 m, 90 m, der Leitende meldete das Boot ausgependelt bei 100 m. Die Spanten bogen sich und der Wasserdruck machte sich durch lautes mechanisches Ächzen und Stöhnen im ganzen Boot bemerkbar, so dass es mir und meinen Kameraden etwas mulmig zu Mute wurde. Fraatz verzog keine Miene, und Schepkes Augen fingen an zu blitzen. Wie konnte dieser Frischling so ruhig sein, als lägen sie im Trockendock im Hafen ?
    Schepke befahl halbe Fahrt voraus und neue Tiefe 120 m. Das Ächzen und Stönen des Bootes schien bei jedem Meter Tiefe lauter zu werden. Ich wurde zunehmend unruhiger, und ein weiterer junger Kamerad in meiner Nähe fing bereits an zu zittern for Angst. Wir schauten alle an die Decke des Bootes, als gäbe es dort was zu sehen, oder als würde es helfen, den Wasserdruck auf das Boot zu reduzieren. Fraatz jedoch lehnte ganz entspannt am Kartentisch. Der Leitende meldete das Boot bei 120 m ausgependelt mit der Bemerkung, dass nun die maximale Tauchtiefe erreicht sei. Schepke, der den Blick nicht von Fraatz wenden konnte, und nun selber unruhig zu werden schien, gab den Befehl, die Maschinen zu stoppen. Das Stöhnen und Ächzen höte nicht auf, und als ganz plötzlich zwei, drei Bolzen platzten und Wasser in das Boot eindrang, verfielen einige Kameraden in Panik. Fraatz gab ganz ruhig und deutlich Anweisungen an einige Besatzungsmitglieder in seiner Nähe, wie sie sich zu verhalten hätten. Dem einen deutete er an, hinten im Boot beim Beseitigen des Wassereinbruchs zu helfen, einem Kameraden in seiner Nähe, dem die Nerven langsam durchzugehen schienen, konnte er schnell durch ein paar Worte und Geesten beruhigen. Schepke selber blieb einfach stehen und beobachtete die Reaktionen seiner Mannschaft, besonders die Reaktionen von Fraatz. Der Leitende fragte den Kapitän nach dem Befehl zum Auftauchen, Schepke erwiederte ungehalten und knapp, er solle gefälligst die Tiefe halten. Nach langen 10 Minuten war der Wassereinbruch gestoppt. Für einen kurzen Augenblick hatte man den Eindruck, das Boot würde ruhig im Wasser liegen, bis das Ächzen und Stöhnen erneut das Blut in unseren Adern gefrieren liess. Schepke fing an, eine Standpauke zu halten, um was für Waschlappen es sich bei dieser Besatzung handeln würde, und stellte die Frage wie mit einer solchen Mannschaft ein Krieg (der damals schon sehr im Bereich des Möglichen lag) zu gewinnen wäre. Fraatz liessen auch diese Bemerkungen kalt. Als weiter hinten im Boot ein weiterer Boltzen platzte, gab Schepke den Befehl zum auftauchen. Das Manöver war beendet. An der Oberfläche angekommen fragte Fraatz ganz sachlich, ob die 2. Seewache aufziehen solle, was Schepke mit einem einzigen Abwinken mit der Hand und einem Lächeln bejahte, so als wolle er sagen: "žOk, Fraatz, ich hab dich nicht gekriegt, du bist nicht so leicht weich zu kochen wie die anderen Landeier hier, ich zieh den Hut vor dir, mach weiter so...". Fraatz bestieg den Turm zur Brücke so, als hätten sie nicht gerade vor ein paar Minuten die maximale Tauchtiefe unterschritten.
    Nach dieser Wache, als Fraatz seinen Kaffee in der Kommandozentrale schlürfte bekam ich ein kurzes Gespräch zwischen Fraatz und Schepke mit, die nicht bemerkten, dass ich hinter dem Schott um die Ecke gerade meinen Kopfhöer abgenommen hatte. Fraatz sagte zum Kapitän: "žHerr Kaleun, um das Alarmtauchen zu trainieren reichen der Besatzung 100 Meter völlig aus" und beide fingen fürchterlich an zu lachen.
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  2. #2
    Avatar von DerKongoOtto Foren-Trockenfleisch
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    Super Geschichte,mehr davon.
    Wäre aber im SH III Forum besser aufgehoben.
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  3. #3
    Avatar von Longbow118 Neuzugang
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    wow, was für ein Auszug soll das sein? Hat mich sofort hineingezogen, ich möchte mehr davon inhalieren.

    evtl. Fortsetzung?

    Grü0e
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  4. #4
    Avatar von W4chund Kam, sah und tippte
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    Der Anfang ist nicht schlecht, lässt sich nur nicht so flüssig Lesen. Mehr Absätze wären nicht verkehrt. So ist das ganze ein "komkpakter Kasten" in dem die übersichtlichkeit fehlt.

    In diesem Sinne,

    weiter machen.
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  5. #5
    Avatar von depthcharges Junior Mitglied
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    Am 1.September 1939, wir waren mit U3 auf einer Trainingsfahrt in der Neustädter Bucht unterwegs, erreichte mich ein Funkspruch, Operation Fall Weiß wäre gestartet worden. Der Kapitän war zu diesem Zeitpunkt auf der Brücke und beobachtete Schiessübungen zur Flugabwehr. Fraatz war am Kartentisch beschäftigt, darum machte ich ihm zuerst die Meldung. Fraatz verzog keine Miene, mit einem ruhigen Lächeln erwiederte er: "žSo so, Hartmann, Operation Fall Weiß also ! Machen sie dem Kaleun Meldung." Danach wendete er sich wieder seinen Karten zu, so als hätte ich ihm gerade eine Wettermeldung durchgegeben. Ich war so irritiert von der Reaktion Fraatzs, dass ich einige Sekunden nur mit offenem Mund da stand, bis ich mich in Richtung Turm umdrehte, um dem Kapitän Meldung zu machen. In mir selber machte sich ein merkwürdiges Gefühl breit. Eine mögliche Besetzung Polens konnte nur der Beginn eines Krieges bedeuten. An mir ging diese Meldung nicht spurlos vorüber. Mir wurde leicht Flau im Magen, und die Beine wurden weich. Das Gefühl wechselte rasch von Beunruhigung zu erwartungsvollem Abenteuerdrang und wieder zurück und schaltete andere Gedanken einfach weg. Als ich auf die Leiter in den Turm stieg, schaute ich noch kurz zu Fraatz rüber, immer noch über den Kartentisch gebeugt, ohne jede Regung. Hatte er verstanden, was ich ihm gemeldet hatte ?
    Diese Reaktion war Kennzeichnend für Fraatzs Charakter, und noch oft sollte ich Situationen erleben, in der Fraatz, unbeeidruckt von sich überstürtzenden Ereignissen im Gefecht oder von beunruhigenden Meldungen des BdU, die Fassung bewahrte in einer Art und Weise, die den Menschen in Fraatzs Umgebung teils unheimlich, teils unangemessen erschien. In Wirklichkeit waren seine gelassenen Reaktionen auf ungewöhnliche Ereignisse aber weder das eine (also unheimlich) noch das andere (also unangemessen), und auf den vielen Fahrten, die ich mit Fraatz gemacht habe (das Schiksal schien uns im Krieg aneinanderzuketten, wir fuhren bis Ende September 1942 stets auf dem selben Boot) sollte ich die Einstellung zu seinem Leben kennenlernen, eine Philosophie, die keine stärkeren Menschen hervorbringen kann, wenn sie gelebt wird, wie Fraatz es tat. Von diesen Fahrten und von Fraatz handelt dieses Buch.
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  6. #6
    Avatar von MavMcLeod
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    Super Geschichte,mehr davon.
    Wäre aber im SH III Forum besser aufgehoben.
    Kann mich dem nur in beiden Punkten anschließen!
    Ein paar Bilder dazu wären auch nicht schlecht!

    Gute Jagd!
    Maverick
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  7. #7
    Avatar von Voyager532 Forum Veteran
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    Verschoben.
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  8. #8
    Avatar von moselgott Kam, sah und tippte
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    Hey Wasserbombe!

    Meiste nich du kannst uns mal verraten wann/wie/wos weitergeht
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  9. #9
    Avatar von depthcharges Junior Mitglied
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    1. Feindfahrt U-101

    Am 13.1.1940 lief U-101 in der Krupp Germaniawerft in Kiel vom Stapel. Der Flottillenchef und Offiziere der 7. U-Flottile, andere hohe Offiziere, Politiker, Werftarbeiter und Schaulustige waren trotz der kalten Witterung anwesend und bestaunten das Schauspiel. Auch Fraatz fand ich etwas abseits stehend, das Geschehen beobachtend. Nach unserem Training auf U3 trennten sich im Oktober 1939 zunächst unsere Wege. Fraatz wurde Kompanieoffizier bei der U-Schule in Neustadt, bevor er als 1.Offizier zur Baubelehrung für U-101 nach Kiel berufen wurde, und ich hatte weitere Lehrgänge in der Fernmeldeschule in Flensburg zu absolvieren, bis ich den Einsatzbefehl für U-101 bekam. Nach dem Stapellauf folgte eine lange Werftliegezeit, in der sich Teile der zukünftigen Manschaft bereits bei abendlichen Gelagen in Kiels Gastronomiebetrieben kennenlernten. Ich kam in dieser Zeit ins Gespräch mit Fraatz, als wir eines Abends zufällig am Tresen nebeneinander standen. Er erzählte mir auf mein durch Alkoholeinfluss begünstigtes stetiges Drängen hin ein wenig von seiner Weltreise als Kadett auf der Emden, und dass er seinerzeit einen Krieg gegen England für ausgeschlossen hielt. Die Emden lief damals auch englische Militärhäfen in aller Welt an und der Kontakt zu englischen Marineangehöigen gestaltete sich nach Aussage Fraatzs sehr offen und positiv. Auch wurde auf Tanzveranstaltungen mit den Töchtern der englischen Offiziere getanzt und ein Krieg gegen diese Engländer erschien nicht im Bereich des Möglichen. Was mir von diesem Gespräch besonders in Erinnerung blieb, dass ich nicht das Gefühl hatte mit einem Offizier zu sprechen, sondern Fraatz gab mir das Gefühl, ein ebenbürtiger Gesprächspartner zu sein. Er erkundigte sich interessiert nach Familie und Lebenslauf, was ich ihm bereitwillig und ausführlich erzählte. Obwohl meine Ausführungen bedingt durch den übermässigen Alkoholgenuss etwas zu umfangreich ausfielen, höte Fraatz geduldig zu, und stellte die ein oder andere Frage zu Details meines Werdeganges. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt. Hätte ich nicht gewusst mit dem 1. Offizier von U-101 zu sprechen, so hätte sich das Gefühl einstellen können, mit einem zukünftigen Kameraden und Freund zu sprechen. Im Verlauf des Abends schaute ich hin und wieder neugierig zu Fraatz hinüber, der sich mit anderen Offizieren stetig in einer angeregten Unterhaltung befand. Er trank den Abend eine Menge Bier, was aber keine Wirkung auf ihn zu haben schien. Fraatz verliess das Lokal als einer der Wenigen aufrecht gehend, und wie ich ihn schon kannte, mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

    Am 11.3.1940 wurde das Boot endlich in den Dienst gestellt. Die Mannschaft trat morgens früh an Deck in Reih und Glied an. Wir standen aufgrund eines eifrigen Dritten zu früh an Deck. In unserer "žersten Geige" wurde uns zunehmend kälter und wir waren mehr als froh als Kommandant Kapitänleutnant Fritz Frauenheim auf der Pier erschien, begleitet vom Flottillenchef und Stabsoffizieren. Frauenheim betrat den Laufsteg zum Boot alleine, und als der Bootsmann Seite pfiff, war auch das letzte Gespräch der vielen Leute auf der Pier erstorben. Frauenheim hatte schon auf U-21 von sich reden gemacht und auf Fronteinsätzen fünf Schiffe in der Nordsee versenkt. Entsprechend groß war unser Respekt vor diesem Mann. Nur Fraatz, der bei der Begrüßung direkt neben dem Kaleun stand, schien davon nicht sonderlich beeindruckt. Frauenheim hielt eine kurze Rede, bevor er uns wegtreten ließ zum Seeklarmachen. Auf der Pier versuchten die Leute nun den besten Platz zum Gucken zu ergattern, und eine Blaskappelle fing an sich zu sortieren. Beim Auslaufen standen wir alle an Deck, es war bitterkalt. Ob mir die Kälte oder das Jubeln der Menschen auf der Pier einen kalten Schauer über den Rücken laufen liess, vermag ich heute nicht mit Sicherheit zu sagen. Ich war trotz der euphorischen Stimmung froh, als wir endlich unter Deck gehen konnten. Ich nahm meinen Platz im Funkraum ein. Im Vergleich zu meiner Ausbildungszeit auf U3 war hier jede Menge Platz. Ich hatte quasi einen Raum für mich, auf einem U-Boot ein Luxus, der nur noch dem Kaleun zu Teil wurde. Schon vor dem Auslaufen war alles vorbereitet und Aufgeräumt, und ich hatte eigentlich nichts zu tun als den Funk abzuhöen, der nicht uns galt, und auf Befehle zu warten. Das Boot nahm Fahrt auf, und das Erzittern durch die kräftigen Dieselmaschinen war überall im Boot zu spüren.
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  10. #10
    Avatar von moselgott Kam, sah und tippte
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    meehhhhr
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