1. #1
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    14. Juni 1939, Neustadt

    "Na, I. WO? Wie siehts aus?"
    Der junge Leutnant sieht mich forschend an.
    "Boot ist klar zur SuT*, Herr Leutnant. Die Jungs haben die letzten 3 Tage jeden Winkel und jede Ecke geschrubbt und poliert. Sämtliche PME* I und II sind durchgeführt und kontrolliert. Der Smut hat seine Befehle bekommen und der Provi* hat uns für Morgen das bestellte Menü zugesichert.", gebe ich meine Meldung ab. "Wenn wir uns nicht einen groben Patzer erlauben, sollten wir die SuT mit Bravour bestehen."
    "Ihr Wort in Gottes Ohr!", antwortet der Kommandant knapp.
    Ich kann gut verstehen, warum der Leutnant nervös ist. Wie jeder an Bord ist er ein Schüler, der kurz vor der Prüfung steht. Wenn wir bestehen, komme ich als WO auf ein Boot und der Leutnant bekommt sogar sein eigenes Kommando. Vom Ausgang der See- und Tauchklar Besichtigung morgen hängt viel ab.
    Ich habe mit meiner Meldung nicht übertrieben. Das ganze Boot blinkt und blitzt im Licht der Lampen. Das Messing der Instrumente strahlt wie pures Gold und nirgendwo ist auch nur ein Körnchen Staub zu finden. Der Proviantmeister hat uns für morgen ein opulentes Menü zugesichert, um die Ausbilder gnädig zu stimmen, bevor die Abnahmefahrt losgeht. Sprich, wir haben alles menschenmögliche getan. Der Leutnant weiß das auch.
    "Nun gut, dann geben Sie Dienstausscheid und schließen Sie das Boot ab. Dienstbeginn morgen um 10:00 Uhr. Dann können die Männer noch einmal alles kontrollieren. Auslaufen ist für 12:00 Uhr angesetzt."
    Ich nicke kurz und lasse mir am Fernsprecher eine Verbindung zum Boot geben. Nach kurzem Klingeln meldet sich der Dieselmaschinist.
    "Bootsbüro, Oberfähnrich Krämer. Wir machen Schluß für heute. Lassen Sie die Besatzung in 5 Minuten auf der Pier antreten und machen Sie das Boot klar zum Abschließen.", gebe ich die Befehle durch.

    15. Juni 1939, Neustadt

    Ich stehe auf dem Turm und suche den Horizont mit meinem Glas ab. Der Kommandant steht neben mir und blickt alle 30 Sekunden in das Turmluk. Bis jetzt ist die SuT gut verlaufen. kurz vor 12:00 Uhr sind die Ausbilder an Bord gekommen um sich ein Bild vom Zustand des Bootes zu machen. Nach dem Auslaufen kreuzten wir ein paar Mal die Routen der Fähren, die regelmäßig zwischen Travemünde verkehren. Nach einer weiteren Rundfahrt durch die Mecklenburger Bucht, wurde Kurs NW befohlen, Richtung Fehmarn. Als wir die Insel schließlich umrundeten und in den Fehmarnsund einliefen, wurde das Boot aufgestoppt, da der Smut das Abendessen fertig hatte. Und jetzt warten wir auf weitere Befehle, immer den Schiffsverkehr im Auge, der im Fehmarnsund außer einigen Sportbooten auch noch aus dem Fährverkehr zwischen der Insel und Großenbrode besteht. Gerade die Sportboote haben es auf uns abgesehen. Offenbar gibt es nichts spannenderes als ein gestopptes Uboot, sodaß wir regelrecht von kleinen Booten unter Segel oder Motor belagert werden.
    Schließlich ertönt kurz nach 16:00 Uhr ein "Mann auf Brücke?" aus dem Boot, das der Leutnant neben mir mit einem knappen "Ja." quittiert. Die Mannschaften der Wache machen etwas Platz für den Fregattenkapitän, der soeben aus dem Turm hochentert und sich genüßlich eine Pfeife stopft.
    "Sie haben sich ja alle Mühe gegeben. Ich glaube, ich habe in meiner ganzen Zeit bei der ULD* noch kein Boot gesehen, das so blitzblank war." Der Fregattenkapitän macht eine kurze Pause und zieht an seiner Pfeife. Schließlich fügt er hinzu: "Aber glauben Sie ja nicht, daß wir uns damit und mit dem exquisiten Abendessen bestechen lassen. Hier zählt nur die Leistung der Mannschaft im Ganzen. Aber bis jetzt sieht es ganz gut aus. Wir fahren gleich noch einmal durch den Sund und führen ein Tauchmanöver durch, um zu sehen, wie Sie das Boot im Flachwasser beherrschen. Wenn Sie das auch ordentlich hinbekommen, dann haben Sie für heute bestanden."
    "Jawohl, Herr Kapitän*.", antwortet der Leutnant und grinst zu mir herüber, als der Fregattenkapitän seine Pfeife über an der Flak-Plattform ausklopft.
    Etwa 10 Minuten später springen die Diesel wieder an und das Boot läuft langsam mit Kurs SSO in den Sund ein.
    "Brücke tauchklar machen.", kommt das Kommando vom Kommandanten.
    Nachdem Brückenfenster*, SigPi*, Flaggenstock und die Seenotsignalmittel unter dem wachsamen Blick des Kapitäns unter Deck verstaut sind, gebe ich dem Kommandanten die Meldung "Brücke ist tauchklar."
    "Unterdeck tauchklar machen, B-Sehrohr ausfahren.", befiehlt der Leutnant daraufhin über die Bordsprechanlage und achtet darauf, daß der Befehl aus der Zentrale nochmals wiederholt wird.
    Ich lasse meinen Blick langsam über den Fehmarnsund fahren und präge mir Position und Kurs der einzelnen Fahrzeuge ein, während durch das Turmluk die Tauchklar-Meldungen der einzelnen Abteilungen halblaut an mein Ohr dringen. Schließlich kommt aus der Zentrale die Tauchklar-Meldung für das Unterdeck.
    Auf das Kommando "Einsteigen." begebe ich mich als Vorletzter unter Deck in die Zentrale und nehme meinen Platz am Sehrohr ein. Nur der Leutnant ist jetzt noch auf der Brücke. Ich befehle die Besatzung auf ihre Tauchstationen. Nachdem die Meldungen aus den einzelnen Abteilungen zurückkommen, melde ich dem Leutnant auf die Brücke "Besatzung auf Tauchstation, Klar bei Entlüftung, Boot ist klar zum Tauchen."
    Der Kommandant und ich nehmen noch einmal einen Rundblick. Ich am Sehrohr und er oben auf der Brücke. Schließlich höre ich von oben das Turmluk zu fallen. Der Befehl "Fluten, auf 25 Meter gehen.", wird der von der gesamten Besatzung mit einem langgezogenem "Fluuuuuuten." bestätigt. Ich fahre das Sehrohr ein und lausche den Kommandos des LI, ruhig und mit der Sicherheit eines alten Hasen. "Entlüftungen öffnen, Maschine voraus 90, Vorne unten hart, hinten unten 10." Es zischt und gluckert, als das Seewasser in die Tauchzellen strömt. Das Boot wird merklich vorlastig. "10 Meter, Boot fällt." meldet der LI und gibt weitere Ruderkommandos an die Tiefenrudergänger, bis das Boot schließlich die befohlene Tiefe erreicht hat.
    "Boot ist auf 25 Meter durchgependelt. Entlüftungen sind zu.", kommt die abschließende Meldung des LI an den Leutnant.

    Der ganze Tauchvorgang ist reibungslos abgelaufen und das Boot hat die befohlene Tiefe nicht überschritten. Der LI hat ganze Arbeit geleistet und das Boot auf ebenen Kiel getrimmt. Die Ausbilder sind jedenfalls zufrieden. Nach etwa 20 Minuten Unterwassermarsch haben wir den Sund hinter uns. Der Kommandant läßt das Boot auf Sehrohrtiefe bringen und nimmt einen Rundblick, um sich zu vergewissern, daß keine Fahrzeuge in der Nähe sind, bevor er Auftauchen läßt. Eine knappe Stunde später liegt das Boot gut vertäut an der Pier und die Besatzung ist zum Einlaufbier* an der Pier angetreten.

    Begriffserklärung:
    * SuT -> See- und Tauchklar Besichtigung:
    Überprüfung des Ausbildungsstandes der Besatzung und des Bootszustandes. Wird in der Regel mit besonders gründlichem Reinschiff eingeleitet, um den Ausbildern keinen Grund zur Beanstandung zu liefern.
    * PME -> Planmäßige Materialerhaltung:
    Regelmäßig durchzuführende Wartungsarbeiten an der Ausrüstung. Dazu gehört beispielsweise das Einfetten der Dichtungen für den Bodenverschluß der Torpedorohre oder das regelmäßige Reinigen und Pflegen der mitgeführten Waffen, auch wenn diese nicht benutzt wurden.
    * Provi -> Proviantmeister:
    Portepee-Unteroffizier (Bootsmann) innerhalb einer Flottille, der für die Ausrüstung mit Verpflegung verantwortlich ist. Die Boote bestellen Verpflegung für eine Fahrt beim Proviantmeister.
    * ULD -> U-Bootlehrdivision:
    Eine Ausbildungsflottille (21. Flottille) mit Sitz in Neustadt (später Pillau). Hier werden U-Bootfahrer in Theorie und Praxis ausgebildet.
    * KKpt / FKpt / Kpt. z.S.:
    Offiziere im Dienstgrad über Kapitänleutnant (Korvettenkapitän, Fregattenkapitän, Kapitän z.S.) werden üblicherweise mit "Herr Kapitän" statt dem Dienstgrad angesprochen.
    * Brückenfenster:
    In Landnähe ein spritzwassergeschützter Glasrahmen mit einer Karte des aktuellen Seegebietes mit eingezeichnetem Kurs. Dient der Orientierung des WO auf der Brücke und der Identifizierung von See- und Landzeichen (Leuchttürmen, Tonnen).
    * SigPi -> Signal Pistole:
    Eine Handwaffe für das Verschießen von Leuchtmunition. Wird in der Regel mit einem begrenzten Munitionsvorrat in einem spritzwassergeschütztem Behälter auf der Brücke mitgeführt, um zeitnah Leuchtsignale (etwa zur Warnung für andere Fahrzeuge oder als Notsignal) abgeben zu können.
    * Einlaufbier:
    Es ist Tradition, daß die Besatzung Einlaufender Uboote nach dem Festmachen an der Pier und Abschließen des Bootes eine Flasche Bier auf der Pier zu sich nimmt, das sogenannte Einlaufbier.
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  2. #2
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    Hier entsteht in Kürze ein AAR zu Silent Hunter III, vom Anfang im August 1939 bis zum bitteren Ende im Mai 1945.

    Zum Diskussionsthread

    Geschildert wird das Erlebte aus der Sicht des I WO, Reinhard Krämer. Das Spiel wird im Hinsicht auf RPG-Elemente gespielt. MOD-Basis ist Living-SHIII Extended Challenge und der AddOn Bunkerstart. Deshalb läuft mein Boot im September 1939 auch ahistorisch aus dem Ubootbunker in Kiel aus.

    Gespielt wird mit 86% Realismus. Dieser setzt sich zusammen aus:
    - Begrenzte Batteriekapazität
    - Begrenzter Pressluftvorrat
    - Begrenzter Sauerstoffvorrat
    - Begrenzter Treibstoffvorrat
    - Torpedoversager
    - Realistisches Schadensmodell
    - Realistische Reparaturzeit
    - Realistische Sinkdauer von Schiffen
    - Realistische Sensoren
    - Realistische Nachladedauer
    - Keine Ereigniskamera
    - Keine Sichtstabilisierung
    - Keine Waffenoffizierunterstützung

    Damit meine ich einen guten Kompromis zwischen Schwierigkeitsgrad und Spielbarkeit gefunden zu haben, denn im Gegensatz zu einem echten Ubootkommandanten habe ich keine monatelange Kommandantenausbildung bekommen und mir fehlt auch die Erfahrung, um die Schußlösung selbst zu berechnen.
    Auch auf die Außenkamera wollte ich nicht verzichten, da sonst Screenshots nur noch sehr eingeschränkt möglich wären.

    Um nicht unrealistisch viel Tonnage zu versenken habe ich mir einige Beschränkungen auferlegt.

    1. Bis nach dem Norwegenfeldzug wird ausschließlich die Aufschlagzündung der Torpedos verwendet. Die Magnetpistole wird erst danach eingesetzt.
    2. Bei Flugzeugsichtungen wird versucht, zu tauchen.
    3. Gelegenheitsziele werden wahrgenommen, sofern die Lage günstig ist und die Ziele nicht zu weit von der Kurslinie abliegen.
    4. Torpedos aus den Oberdecksstuben werden nur bei ruhiger See und freiem Oberdeck nachgeladen (auch, wenn das Programm ein Nachladen bei Sturm erlaubt).
    5. Feindfahrten werden grundsätzlich im Hafen beendet (kein Abschluß der FF auf See).
    6. Alle 24 Stunden wird ein Statusbericht abgesetzt.
    7. Gesichtete Geleitzüge werden grundsätzlich per Funk gemeldet. Ab ca. Mitte/Ende 40 wird jeder Geleitzug vor dem Angriff zunächst "beschattet", um ein Fühlungshalten zu simulieren.

    Ich hatte überdies vor nach der Prisenordnung vorzugehen. Leider ist dies spieltechnisch nicht umsetzbar. Im AAR wird das Boot also nicht an die Prisenordnung gebunden sein. Als feindlich erkannte Schiffe, ob bewaffnet oder nicht, dürfen also ohne Vorwarnung angegriffen werden.

    Tante Edit sagt:
    Ab Beginn der 6. Feindfahrt wurde die MOD-Basis auf LSH3 V5.1 Extended Challenge geändert.
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  3. #3
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    20. Juni 1939, Manöver östlich Bornholm

    Direkt nach der SuT haben wir Torpedos und Munition übernommen und sind zur TTG* ausgelaufen. Seitdem stehen wir östlich von Bornholm, in einem Übungsgebiet der Kriegsmarine. Die abschließenden Übungen für die Mannschaften von FLA-Bewaffnung und Deckgeschütz, sowie das Torpedoschießen auf den Tender Lech liegen bereits hinter uns. Die Ausbilder zeigen sich bisher recht zufrieden mit unserem Abschneiden, so daß wir an einem Manöver anderer Überwasserstreitkräfte teilnehmen sollen. Das wäre dann quasi der Abschluß unserer Ausbildung, sodaß wir dann auf ein Bordkommando versetzt werden.

    In der Zentrale erklärt uns der Leiter der Ausbildungsgruppe unseren Auftrag. Auf dem Kartentisch befindet sich ein entschlüsselter Funkspruch, der einen schwach gesicherten Konvoi nord-westlich unserer Position meldet. Damit soll eine Positionsmeldung der Luftaufklärung simuliert werden. Als einziges Boot im Seegebiet sollen wir den Konvoi aufklären und nach Möglichkeit angreifen.
    Nach der Einsatzbesprechung berechne ich zusammen mit dem Steuermann die wahrscheinliche Position des Konvois. Die Meldung ist zwar bereits einige Stunden alt, aber der ungefähre Kurs und eine Geschwindigkeitsschätzung sind bekannt. Eine knappe Stunde AK-Fahrt sollte uns in eine günstige Schußposition, querab der vermuteten Konvoiroute bringen. Der Leutnant nickt zufrieden. Unabhängig von uns hat er im Kommandanteneck* selbst einen Abfangkurs berechnet und die Lösung dem Leiter der Ausbildungsgruppe vorgelegt. Wenige Minuten später nimmt das Boot Fahrt auf und jagt mit schäumender Bugwelle Richtung Nord, während der Torpedomechanikersmaat die Bugrohre unter den wachsamen Augen der Ausbilder auf den Schuß vorbereitet.

    Eine knappe Stunde später haben wir die vermutete Route des Konvois erreicht. Wir sind etwas zu früh, deshalb ist noch nichts zu sehen. Der Kommandant läßt die Fahrt aus dem Boot nehmen und wir fahren dem Konvoi mit kleiner Fahrt entgegen. Jetzt muß sich zeigen, ob unsere Vermutung richtig war. Wenn der Konvoi den Kurs geändert hat, stehen wir womöglich an einer völlig falschen Position. Als sich nach einer weiteren halben Stunde noch immer kein Schiff sehen läßt, wird der Leutnant etwas unruhig. Ich mache den Vorschlag, das Boot schon einmal tauchklar zu machen. Der Leutnant stimmt zu, daß ein Unterwasserangriff die besten Chancen auf Erfolg hat. Wir beide nutzen die Zeit, um noch einmal den Angriff durchzuplanen.
    17:38 Uhr. Noch immer ist kein Schiff in Sicht. Der Leutnant will tauchen lassen, um in die vermutete Richtung des Konvois horchen zu lassen, als einer der Brückenposten "Fahrzeug in Sicht!" meldet. Wir greifen zu unseren Gläsern. Tatsächlich sind im Westen jetzt einige schwache Rauchwolken zu sehen, die sich langsam über die Kimm schieben.
    Schnell steigen wir ein. Die See ist ruhig und die Sonne steht noch immer am Himmel. Selbst auf die Entfernung hin, blieben wir nicht lange unentdeckt. Gurgelnd strömt das Wasser in die Tauchzellen. Das Rauschen der See steigt höher, bis das Oberdeck unterschneidet. Mit kleiner Fahrt lassen wir den Konvoi auf uns zukommen. Der Leutnant steht am Sehrohr.
    "Das ist unser Konvoi. Vorneweg ein Zerstörer, dahinter 3 Frachter in 2 Kolonnen.", meldet er. Der Steuermann ist eifrig am Kartentisch zugange und zeichnet die Peilungen auf Milimeterpapier ein.
    Jetzt beginnt das Warten. Der Leutnant fährt das Sehrohr ein und läßt das Boot auf Nordkurs gehen. Nur gelegentlich wagt er einen kurzen Rundblick. Geduld ist eine Tugend!, habe ich im Offizierslehrgang immer wieder gehört. Hier und jetzt fällt es uns allen schwer, an den Tugenden festzuhalten. Beim Übungsangriff auf den Tender habe ich einen schnellen Überwasserangriff gefahren. Schnell ran, Torpedos schießen und Abdrehen. Run-and-Hit nennt der Tommy das. Aber im Moment müssen wir warten, bis uns die Beute vor die Rohre fährt.

    18:03. Endlich ist es soweit! Der Konvoi ist jetzt in Schußreichweite. Der Leutnant und ich haben die Schußlösung jeweils getrennt ermittelt, der Ausbilder halber. Jetzt fährt der Leutnant das Sehrohr wieder aus und gibt aus dem Turm letzte Anweisungen.
    "Rohr I bis IV klarmachen zum Unterwasserschuß. Entfernung für Rohr I bis II 1200 Meter, Rohr III und IV 1500 Meter. Gegnerfahrt 4. Bug rechts, Lage 90. Torpedogeschwindigkeit 44. Lauftiefe 7 Meter."
    Gebannt lauschen wir an den Befehlen des Kommandanten. Aus dem Bugtorpedoraum kommen halblaute Bestätigungen.
    "Mündungsklappen Rohr I bis IV öffnen."
    Der Leutnant visiert jetzt den ersten Dampfer an. Die Peilung wird automatisch an den Torpedovorhalterechner übertragen. Solange alle Ziele auf gleichem Kurs und gleicher Geschwindigkeit fahren, müssen die Torpedos nicht mehr gesondert eingestellt werden, sodaß sie nur noch ausgestoßen werden müssen.
    "Rohr I ... Los!" Der Leutnant fährt das Sehrohr hektisch herum, auf den zweiten Dampfer. "Rohr II ... Los!" Weiter zum letzten Kontakt. "Doppelschuß Rohr III und IV ... Los!"
    Jetzt ist es entschieden. Die Aale sind unterwegs. Ob sie ihr Ziel erreichen, wird sich erst zeigen.
    "Sehrohr einfahren, Backbord 20, neuer Kurs 1-8-0. Rohr V klarmachen zum Unterwasserschuß. Mündungsklappen Rohr I bis IV schließen.", stößt der Leutnant heiser die Befehle hervor.
    Das Boot wendet schwerfällig und beginnt dem Konvoi das Heck zu zeigen. Falls die Aale nicht sitzen, oder der Zerstörer auf uns zufährt, können wir noch einen Schuß abgeben.
    "Torpedolaufzeit fast erreicht!", melde ich.
    Schon fährt das Sehrohr aus. Die Prüfung ist abgeschlossen. Der Kapitän aus der Ausbildungsgruppe nickt mir zu. Ich klemme mich ans Luftzielsehrohr.
    Der erste Dampfer scheint den Braten gerochen zu haben. Er fängt an über Steuerbord abzudrehen. Plötzlich steigt eine grüne Signalrakete in den Himmel, das Zeichen für einen Torpedotreffer. Kurz darauf lassen auch die anderen beiden Frachter grüne Raketen steigen. Alle Aale haben ihr Ziel unterlaufen. Der Zerstörer dreht langsam nach Backbord, vermutet uns in der anderen Richtung.
    "Das Manöver ist hiermit beendet. Sie haben ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.", beglückwünscht uns der Kapitän. "Lassen Sie auftauchen und setzen Sie Kurs zurück nach Neustadt."
    Der Leutnant grinst mich an. Bald schon werden sich unsere Wege trennen. Er bekommt ein Kommando und der Rest der Besatzung wird auf verschiedene Bordkommandos versetzt. So richtig begreifen kann ich unseren Erfolg erst, als wir Stunden später nach dem Einlaufbier noch das Offizierscasino unsicher machen, um auf unsere erfolgreich bestandene Ausbildung zu trinken.



    Begriffserklärung:
    * TTG -> Tauchtechnische Gefechtsausbildung:
    Eine Manöverfahrt unter Gefechtsbedingungen, während deren Verlauf insbesondere Notrollen wie Feuer und Wassereinbrüche gebübt, sowie Ausfälle oder Fehlfunktionen verschiedener Bordsysteme nachgestellt werden.
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  4. #4
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    01. September 1939, Auslaufen in Kiel

    Es ist noch früher morgen in Kiel. Im Osten dämmert es bereits, doch bis zum Sonnenaufgang dauert es noch. Im Marinestützpunkt hat der Tag bereits begonnen. Seit Tagen herrscht hier rege Betriebsamkeit. Viele der Boote sind bereits ausgelaufen. Andere liegen noch an der Ausrüstungspier, übernehmen Torpedos oder stehen selbst unmittelbar vor dem Auslaufen. So wie U-1, ein kleines Uboot vom Typ IIA, auf dem soeben die letzten Vorbereitungen zum Auslaufen getroffen werden. Unser Boot!

    Ich lehne mich lässig an das Schanzkleid des engen Turmes, um die Übernahme der Frischverpflegung zu beaufsichtigen. Die Mannschaften des kleines Ubootes bildet eine Kette von der Pier, über die schmale Stelling, bis zum Torpedoluk und reicht sich gegenseitig die Beutel und Körbe mit Lebensmitteln an. Unten wird es jetzt noch enger werden als sonst schon. Das gesamte Boot war ausschließlich um die Hauptbewaffnung, 3 Torpedorohre im Bugraum, herum gebaut worden. An die Besatzung scheinen die Ingenieure nur wenige Gedanken verschwendet zu haben. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, daß das Boot schon fertig konstruiert war, als plötzlich jemandem Einfiel, daß man zwischen all den Maschinen, Anlagen und Rohrleitungen ja auch noch eine Bedienungsmannschaft unterbringen mußte. Der Proviant war das beste Beispiel. Mangels Stauraum wird der Proviant dort untergebracht, wo gerade Platz ist. Brote lagern in Netzen an der Decke, verderbliche Frischverpflegung dagegen in festgezurrten Körben zwischen den Torpedorohren, dem kühlsten Platz an Bord. Dosen und Konserven verschwinden unter den Bodenbrettern. Unzählige Rollen Toilettenpapier werden einfach zwischen Druckkörper und diversen Rohrleitungen eingeklemmt. Es ist an sich schon ein Wunder, daß man sich an Bord immer noch relativ frei bewegen kann, obwohl in den letzten Tagen Massen an Ausrüstung an Bord geschleppt wurden. Und doch findet alles irgendwie seinen Platz. Hinter diesem Wunder steckt ein ausgeklügelter Stauplan, der auch noch den letzten Rest nutzbaren Raum erfaßt.
    In Momenten wie diesen war ich stolz auf kleine Besatzung. Obwohl U-1 erst kurz vor Ende meiner Ausbildung in die 1. Flottille verlegt wurde, war die Mannschaft in den letzten 2 Monaten eine eingespielte Besatzung geworden, bei der jeder Handgriff saß. Als der Kommandant auf die Pier kam, war die Verpflegungsübernahme bereits beendet und das Boot war bereit zum Auslaufen.

    Pünktlich um 04:00 Uhr gleitet das Boot mit lautloser E-Maschinenfahrt aus der Box des Bunkers. Im Osten zeigen sich bereits erste Vorboten des nahenden Sonnenaufgangs. Es versprichz ein warmer und angenehmer Tag zu werden. Der Alte ist selber auf der Brücke und befehligt das Ablegemanöver. Wir passieren die Außenmole und laufen in die Förde ein. Auch nachdem das Oberdeck tauchklar gemeldet wird und das Oberdeckspersonal unter Deck verschwindet, bleibt der Alte noch auf der Brücke und blickt nachdenklich auf zwei Minenleger, an denen wir gemächlich vorüber ziehen. Das Achterdeck ist vollgestopft mit Minen. Dem Rauch aus dem Schornstein nach zu schließen stehen auch die Kessel unter Feuer. Allem Anschein nach waren sämtliche Kriegsschiffe in der Förde vollständig ausgerüstet und klar zum Auslaufen. Das verstärkt mein schlechtes Gefühl noch. Dem Alten scheint das auch nicht zu gefallen.
    "Das sieht mir sehr nach Ärger aus, Krämer."
    "Jawohl, Herr Oberleutnant.", pflichte ich dem Alten bei.



    Auslaufen aus Kiel


    Passieren Marineehrenmal an Steuerbord-Seite

    "Fertig machen, wir passieren gleich das Marineehrenmal." rufe ich den Brückenposten zu.
    Ich setze die Pfeife an und blicke an das Ostufer der Kieler Förde. Als der hochaufragenden Turm genau querab steht, leite ich das Kommando mit meinen Pfiffen ein.
    "Front nach Steuerbord."
    Die Mannschaften gehen in Grundstellung, während ich mit dem Bootsmannsmaat den Gruß erweisen. So verweilen wir den kurzen Moment, in dem das Ehrenmal an uns vorbeizieht, bis ich abpfeife. Es ist kurz nach 5:00 Uhr. Hinter dem Ehrenmal zeigen sich bereits die zarten Vorboten des Sonnenaufgangs und verspricht einen herrlichen Tag.
    Mein Blick ruht noch immer auf dem Ehrenmal, als von unten ein FT auf die Brücke gereicht wird. Der Kommandant überfliegt wortlos den Zettel und drückt mir das FT dann in die Hand. Ich muß die Zeilen dreimal lesen, bevor mir die Bedeutung des knappen Funkspruchs klar wird.

    Zitat von NORDDEICH RADIO
    Polnische Infanterie hat gestern Nacht versucht den Sender in Gleiwitz zu besetzen. Dies wurde verhindert. Seit 04:45 Uhr wird zurückgeschossen.
    Wir befinden uns im Krieg!

    03. September 1939, Skagerrak

    Der dritte Tag auf See. Es ist kurz nach 19:00 Uhr. Die See ist weiterhin ruhig. Seit wir heute vormittag die Nordspitze Dänemarks umrundeten, hat der Wind nur etwas zugenommen. Trotz der warmen Sonne wird es doch merklich kühl an Deck. Unter der Besatzung hat sich inzwischen eine wilde Entschlossenheit breit gemacht, nachdem der Funker heute Mittag die Meldung vom Kriegseintritt Englands empfangen hat, kam vor knapp einer Stunde noch die Meldung über den französischen Kriegseintritt dazu. Alle sind empört über die unerträgliche Arroganz, die dahinter steckt. Die Wehrmacht hat die polnischen Übergriffe schnell und hart beantwortet und ist im Gegenangriff bereits bis zur Weichsel vorgestoßen. Nach all den Demütigungen, die wir seit dem Schandfrieden erdulden mußten, ist dies nun mit Abstand die unverschämteste. Deutschland wird offen angegriffen! Doch statt zu protestieren, schlagen sich die Engländer und Franzosen auf die Seite unserer Feinde. Wenigstens sind die Fronten nun geklärt. meinte der Alte wortkarg, als das zweite FT mit dem französischen Kriegseintritt eintraf.


    Anmarsch zum PQ


    04. September 1939, Planquadrat AN38

    Der Wind hat merklich aufgefrischt, seit wir heute nachmittag unser Patrouillengebiet erreicht haben. Auf der Brücke kommt bereits merklich Gischt über, obwohl der Wind nur mit Stärke 5 weht. Die Sicht ist immer noch gut, wie schon seit dem Auslaufen. Bisher kein Feinkontakt. Offenbar lassen die Polen ihre Schiffe in den Häfen oder im Ausland internieren. Das bedeutet für uns, daß wir wohl mit leeren Händen nach Hause fahren, während wir von anderen Booten aus dem Atlantik Erfolgsmeldungen hören. Das zehrt an den Nerven, trotzdem bleibt die Moral auf hohem Niveau.
    Die Nacht ist wolkenlos und sternenklar. Der Mond beleuchtet die See, sodaß wir mit den Gläsern immer noch gute Sicht haben. Wir starren alle angestrengt in die Nacht. Nach einer Weile glaube ich überall Schatten zu sehen, in denen sich ein Schiff verstecken könnte. Doch sobald man den Blick darauf richtet, starrt man nur in die Nacht. Dem Brückenposten neben mir geht es genauso. Ich beobachte ihn, wie er immer wieder einen bestimmten Punkt an unserer Backbordseite fixiert.
    "So, Thomsen. Dann klären Sie mich mal auf, was es da so spannendes zu sehen gibt."
    "Ich bin mir nicht sicher, Herr Oberfähnrich. Ich bilde mir ein, einen Schatten zu sehen, Backbord voraus, große Entfernung. Aber sobald man direkt drauf sieht, ist da nichts.", meldet der Ausguck.
    Ich nehme selbst mein Glas und folge dem ausgestreckten Arm des Mannes. Tatsächlich, aus den Augenwinkeln betrachtet scheint da etwas zu sein, etwas das man nur undeutlich erfassen kann. Ich beschließe der Sache näher nachzugehen.
    "Hmm, dann wollen wir Ihrem Phantom doch mal ein Stück entgegenfahren.", sage ich halblaut vor mich hin und befehle eine Kursänderung nach Backbord.
    "Backbord 10, neuer Kurs 1-0-0.", kommt die Bestätigung von unten.
    "Das nächste Mal wenn Sie der Meinung sind etwas zu sehen, dann Melden Sie das unverzüglich. Und wenn sich dann herausstellt, daß Sie sich die ganze Sache nur eingebildet haben, dann wissen wir wenigstens, daß sich kein Pott an uns vorbeischleichen wollte.", weise ich den Mann zurecht.
    Noch während der Bug sanft nach Backbord schwenkt, entert der Alte auf die Brücke. Ich strecke meinen Arm grob in die Richtung unseres Schattens.
    "Der Matrosengefreite Thomsen hat weit voraus etwas entdeckt, könnte ein verdunkeltes Schiff sein."
    Der Alte läßt sich Thomsens Glas geben und blickt selber angestrengt in die angegebene Richtung.
    "Schwer zu sagen. An der Wasserlinie könnte eine Bugwelle sein und das schwarze Loch darüber die Aufbauten, die die Sterne verdecken." Er blickt zu Thomsen. "Mensch, Thomsen, Sie haben ja bessere Augen als eine Eule."
    In den nächsten Minuten beobachten wir Thomsen´s Phantom weiter. Tatsächlich schält sich langsam ein Schiff aus der Dunkelheit und kurz darauf noch zwei weitere, allesamt abgedunkelt. Dank Thomsen´s guten Augen sind wir auf einen kleinen Konvoi aus einem mittleren Frachter, einem großen Frachtdampfer und einem Kolonialfrachter gestoßen.
    "Auf Gefechtsstationen, Rohr I bis III bewässern, klarmachen zum Überwasserangriff. UZO auf Brücke.", läßt der Alte nach unten durchgeben.
    Der Alte läßt Südkurs anlegen. Da die Dampfer auf Westkurs liegen, müssen sie uns so genau vor die Rohre laufen. Im folgenden werden die Zieldaten aufgenommen und in den Torpedorechner eingegeben. Der Mond beleuchtet die 3 Dampfer jetzt von der uns abgewandten Seite. Während wir weiterhin mit Langsamer Fahrt im Schatten bleiben, können wir bei den Kameraden der anderen Feldpostnummer nahezu jedes Detail erkennen. Die Flagge entlarvt die Pötte als Briten. Plötzlich flucht der Alte.
    "Verdammt! Krämer, sehen Sie sich den großen Frachtdampfer in der Mitte mal genauer an. Für was halten Sie den großen Kasten auf der Back und auf dem Achterschiff? Und die Brückenaufbauten sehen mir auch nicht ganz geheuer aus."
    Ich nehme mein Glas. Tatsächlich! Auf Vor- und Achterschiff ist jeweils eine Kanone montiert, vermutlich 15 cm Geschütze, während um die Brücke herum anscheinend eine starke Luftabwehrbewaffnung angebracht wurde. Das hätte eine böse Überraschung geben können, wenn wir an die Prisenordnung gebunden wären.
    Der Alte nimmt das UZO aus dem Sockel und läßt die Brückenposten einsteigen. Ein Überwasserangriff würde das Boot nur unnötig gefährden, da wir in einer ausgesprochen günstigen Schußposition sind und den Geschützen des bewaffneten Dampfers nichts entgegenzusetzen haben.
    "Turmluk verriegelt. Fluten, auf Sehrohrtiefe gehen.", befiehlt der Alte, nachdem er als letzter eingestiegen ist.
    Die Besatzung wiederholt den Befehl. Oberfähnrich Friederichs, unser LI, gibt mit ruhiger Stimme Ruderbefehle. Das Boot schneidet rasch unter und wird geschickt ausgependelt, während der Alte im Turm bereits das Angriffssehrohr ausfährt.
    Lange Minuten vergehen, in denen der Alte nur gelegentlich neue Werte für den Torpedorechner durchgibt. Von meinem Posten unter dem Turmluk, kann ich einen Blick auf die Karte des Obersteuermanns werfen, auf dem er geflissentlich die Position der 3 Frachter nachträgt. Der mittlere Frachter, der als erster in der Kolonne fährt, wird uns gleich recht voraus passieren.
    "Mündungsklappen Rohr I bis III öffnen.", kommt es leise von oben. "Maschinen stopp."
    Ich wiederhole den Befehl und gebe anschließend die Meldung aus dem Bugraum an den Alten weiter. Das Boot steht jetzt genau zwischen den ersten beiden Dampfern. Im Boot herrscht eine gespenstische Stille, sodaß die Schraubengeräusche der Dampfer durch den Druckkörper zu hören sind.
    "Rohr I ... Los!", kommt der Ruf aus dem Turm, laut genug, daß er im Bugraum zu hören ist, dicht gefolgt von "Rohr II ... Los!"
    Die Torpedos sind unterwegs! Ich lasse die Stoppuhr mitlaufen. Bei der geringen Entfernung laufen die Torpedos nur knapp 32 Sekunden, bevor sie auf das Ziel.
    Im selben Augenblick, als ich meine Meldung "Zeit ist rum." abgeben will, läuft der Torpedo aus Rohr I mit einer lauten Detonation ins Ziel, dicht gefolgt vom Torpedo aus Rohr II. In der Zentrale macht sich ein zufriedenes Grinsen breit.
    Der Kolonialfrachter, dreht nach Steuerbord ab und schiebt sich so gemächlich zwischen uns und die torpedierten Pötte. Offenbar vermutet der Skipper uns auf der anderen Seite. Als er mit seiner Breitseite genau vor uns steht, gibt der Alte den Feuerbefehl für Rohr III. Eine weitere Detonation hallt durch das Boot. Der mittlere Frachter und der Kolonialfrachter nehmen rasch Wasser über und schneiden unter. Der große Frachtdampfer mit den Geschützen ist da zäher. Obwohl der Dampfer mit dem Heck tief im Wasser liegt und keine Fahrt mehr macht, hat die Besatzung die geschütze besetzt. Suchscheinwerfer strecken ihre bleichen Finger nach den Wellen aus und versuchen uns zu finden. Im Bugraum treibt Oberfähnrich Hartenstein, unser II. WO, die Lords unerbittlich an. Die Rohre müssen für einen Fangschuß schnell nachgeladen werden, bevor der Gegner seine Probleme in den Griff bekommt und wieder Fahrt aufnimmt. In der Rekordzeit von 5 Minuten und 34 Sekunden nach dem ersten Schuß ist Rohr I wieder feuerbereit. Der Alte zögert keine Sekunde und zielt auf den Schornstein und schon rauscht der Torpedo auf sein Ziel zu. Unmittelbar nach dem Torpedotreffer erschüttern weitere Detonationen das gebeutelte Schiff. Offenbar haben wir die Maschinenräume erwischt. Eine große Explosion mittschiffs läßt den Dampfer auseinanderbrechen und rasch sinken.


    PQ erreicht, Wind frischt auf





    Bewaffneter Frachter


    Tauchen vor dem Angriff









    Torpedoangriff auf kleinen Konvoi




    Sinkende Frachter

    Als das Boot die Wellen durchbricht, ist gerade einmal eine Stunde vergangen. Lediglich der Bug des Mittleren Frachters ragt noch brennend aus dem Wasser. Die anderen beiden Fahrzeuge sind bereits gesunken. An der Untergangsstelle treiben lediglich einige Trümmer, an denen sich dunkle Schatten festklammern, die Überlebenden der Besatzung. Wir sind gerade einmal eine halbe Seemeile von den Trümmerteilen entfernt. Ihre Hilferufe dringen zu uns herüber. Der Alte blickt säuerlich drein, als er Nordkurs befielt und das Boot mit großer Fahrt ablaufen läßt. Meine Euphorie, die ich seit dem Moment empfunden habe, als der erste Torpedo ins Ziel lief, ist schlagartig verflogen. Erst jetzt wird mir bewußt, daß wir nicht nur auf Schiffe schießen, sondern auch auf deren Besatzungen. Wieviele es wohl ins Wasser geschafft haben? Von der Fahrwache dürften es sicher einige geschafft haben, außer vielleicht den Leute aus der Heizerei. Die Freiwache hat es vermutlich mitten im Schlaf erwischt. Ich blicke verstohlen zum Alten. Der scheint zu einem Entschluß gekommen zu sein.
    "Der Funker soll einen Notruf absetzen. Schiffbrüchige im Wasser, Position 57°14'16.02" Nord, 6°44'36.51" Ost. Die erste erreichbare Funkstelle soll den Notruf aufnehmen und weiterverbreiten."
    "Jawohl, Herr Oberleutnant."
    "Kopf hoch, Krämer. Gibt hier genug Schiffsverkehr und die Dänen und Schweden werden wohl auch zügig reagieren. Mehr können wir jedenfalls nicht tun, das wissen Sie genau so wie ich."
    Ich nicke dem Alten zu und entere das Turmluk hinab. Das schlechte Gefühl bleibt.
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  5. #5
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    06. September 1939, Planquadrat AN38

    10:20 Uhr. Dichte Wolken sind aufgezogen. Die Sicht ist aber weiterhin gut und die See hat sich wieder gelegt. Unser Notruf von gestern wurde zügig aufgenommen und weiter verbreitet. Der Funker hat eine Meldung eines schwedischen Dampfers abgefangen, daß unweit der Position der versenkten Dampfer mehrere Überlebende geborgen wurden. So richtig froh bin ich trotzdem nicht.
    Vor einer viertel Stunde kam eine Meldung des B-Dienstes für uns. Ein Seeaufklärer hat einen weiteren Konvoi auf Ostkurs gesichtet. Rohr II ist immer noch geladen, sodaß der Alte sich zum Abfangen entschlossen hat. Der berechnete Abfangpunkt liegt etwa 11 Meilen voraus. Da der Konvoi diesen Punkt erst in etwa 3 Stunden passieren wird, können wir es gemütlich angehen lassen. Das spart Brennstoff, meint der LI. Noch kommen wir aber gut hin. Laut Verbrauchsrechnung haben wir die Brennstoffbunker nicht einmal zur Hälfte leer gefahren.
    12:52 Uhr. Der Konvoi ist in Sicht. Wieder kam die Meldung von Thomsen, als die ersten Mastspitzen gerade eben hinter der Kimm zu sehen waren. Mit Thomsens Meldung kam auch der Alte auf die Brücke. Gemeinsam richten wir unsere Gläser in Richtung des Konvois. Nacheinander kommen vier Fahrzeuge in Sicht, zwei Belize-Frachter, ein Schüttgutfrachter und ein Kolonialfrachter.
    "Dicker Brocken, was Krämer? Jetzt müßte man mehr Torpedos haben.", meint der Alte, während er weiter den Konvoi beobachtet. "Hilft ja nichts. Bereiten Sie eine Kontaktmeldung vor. Unseren Aal werden wir noch los. Um den Rest sollen sich dann die Kameraden aus Görings Truppe kümmern."
    "Jawohl, Herr Oberleutnant."
    Ich gehe nach unten und tippe den Funkspruch in die ENIGMA ein. Kaum ist der Funkspruch abgesetzt, gibt der Alte Befehl zu tauchen. Offenbar traut er dem Frieden nicht und vermutet eine Ubootfalle. Ist ja auch heller Wahnsinn, daß die Tommies unbewachte Konvois in die Ostsee schicken. Sie müssen doch wissen, daß die Ostsee unser Meer ist.

    Zitat von U 1
    12:57 -234- TAF GTU
    HGPDA DZYM HJYU BJFZ XSHE MOGK WSZG KANC GKXG YWXJ SCEM NMGW ZKWP OMQE NYAU FYYM VNAQ LRPT QOXL FXJV DYAB YINK VVOY WQEB TPTA FFUG KAYL LFJA AVGY JKUR VAFD YFGX ZFBT NRXO QHUZ WWYF DOYW CAAP EVGO XUNC LEDM NNXR UQQA SKDU THNA XZA
    Wir stehen direkt querab des Konvois in perfekter Schußposition. Der Alte hängt am Angriffssehrohr. Ich stehe unter dem Zentraleluk, um bei Bedarf die Kommandos von oben weiter zu geben. Mein Blick wandert immer wieder vom Kartentisch zum Tiefenmesser. Der LI hat das Boot perfekt austariert und im Sehrohr aufgehängt, obwohl wir gestoppt liegen, bleibt die Tiefe konstant.
    "Gegnerfahrt 7. Bug links, Lage 85. Torpedotiefe 4 Meter. Torpedogeschwindigkeit 44.", murmelt der Alte im Turm.
    Ich gebe die Kommandos weiter. Der Obersteuermann plottet derweil die Position der Frachter mit. Der erste Dampfer passiert uns, ebenso der zweite.
    "Mündungsklappe Rohr II öffnen.", dringt es leise von oben herab.
    Wahrscheinlich hat es der Alte auf den dritten Dampfer, einen Kolonialfrachter, abgesehen. Wir sind verdammt nah dran, kaum 800 Meter, als der Dampfer Steuerbord voraus kommt. Der Torpedo läuft so nur wenige Sekunden. Das läßt dem Dampfer keine Chance zum Ausweichen, selbst wenn er den Abschuß mitbekommt. Als das Ziel fast recht voraus steht, kommt von oben endlich der Feuerbefehl. Ich höre die Preßluft zischen, als der Torpedo aus dem Rohr gedrückt wird, und für einen kurzen Moment das hohe Singen der kleinen Propeller. Ich lasse die Stoppuhr mitlaufen, während der LI rasch Wasser in die Regelzellen fluten läßt. Da das einströmende Seewasser die Masse des Torpedos nicht vollständig ersetzen kann, stimmt der Trimm nicht mehr und das Boot würde anfangen zu steigen. Nach nicht einmal 20 Sekunden dröhnt der Knall der Explosion durch das Boot. Aus dem Bugraum höre ich den Bootsmann halb gedämpft rufen "Jawohl Jungs, wir haben ihn!". Der letzte Torpedo ist verschossen.




    Ansetzen zum Angriff







    Treffer auf Kolonialfrachter

    Nach unserem Angriff ist der Rest des Konvois abgelaufen. Der ALte hat durch das Sehrohr beobachtet, wie ein russischer Frachter die Besatzung des Tommydampfers abgeborgen hat. Seitdem treibt das verlassene Wrack brennend vor sich hin. Zuerst hat der Alte noch gewartet, ob der Kahn nicht doch absäuft. Doch nach knapp 6 Stunden kam dann der Befehl zum Auftauchen. Seitdem laufen wir mit langsamer Fahrt vom Wrack ab. Die ganze Zeit hat sich die Luftwaffe nicht blicken lassen. Der Alte meint, daß die Flieger sich wohl um den Rest des Konvois kümmern. Wahrscheinlich sind sie davon ausgegangen, daß unser Dampfer gesunken ist. Verdammt, das war ein sauberer Treffer direkt in die Maschinenanlage, ein Angriff wie aus dem Lehrbuch! Der Alte sieht ebenfalls mürrisch aus. Wie ich inzwischen weiß, kann er Verschwendung nicht leiden. Wenn wir doch nur ein Geschütz auf Deck hätten!


    Manövrierunfähiger Frachter


    08. September 1939, Planquadrat AN38

    18:00 Uhr. Der LI hat uns beim Abendessen seine Verbrauchsrechnung für den Brennstoff vorgelegt. Demnach haben wir die Hälfte unseres Brennstoffvorrats von 12 Tonnen innerhalb von nur 8 Tagen verbraucht. Verglichen mit anderen Einheiten sind wir da direkt sparsam. Die Schnellboote verheizen die gleiche Menge Brennstoff schon mal an einem halben Tag.
    Über Nacht kommt dichter Nebel auf und noch dazu regnet es wie aus Eimern. Die Sichtweite ist mehr als bescheiden. Wir müssen höllisch aufpassen, daß wir bei diesem Wetter nicht von einem anderen Dampfer überrollt werden. Am Morgen kommt noch starker Wind hinzu, der die See zu hohen Wellen auftürmt, die schwer gegen das Schanzkleid der Brücke schlagen. Das Boot stampft heftig in der schweren See, der Bug taucht immer wieder tief in die Wellen ein. Auch als wir in das Kattegat einlaufen, ändert sich das Wetter nicht. Auch wenn der Sturm am zehnten Seetag aufhört, so sind Nebel und Regen unsere ständigen Begleiter.

    Am elften Seetag kommt endlich kommt die Kieler Förde in Sicht. Der Nebel umhüllt unser Boot immer noch in undurchdringlichen Schwaden. Wie ein dunkler Schatten gleiten wir durch die Vorpostenboote, die wie geisterhafte Schemen nur undeutlich zu erkennen sind. Erst nachdem wir den Leuchtturm bei Friedrichsort passieren, wird der Nebel langsam lichter. Langsam zieht die Außenmole an uns vorüber. Das Oberdeckspersonal ist bereits auf Position. Die Leinen liegen bereit, die Poller sind ausgefahren. Das wird mein Anleger. Der Alte sieht dabei zu. Ich gebe Ruderkommandos. Der Bug schwingt herum und zeigt auf unseren Liegeplatz. Das Leinenpersonal steht schon bereit. Ich lasse die Fahrt aus dem Boot nehmen. Fast lautlos gleitet das Boot nun voran. Ich lasse leicht Ruder legen, sodaß der Bug langsam auswandert und nicht mehr direkt auf die Pier zeigt. Als uns nur noch wenige Meter trennen, werden die Wurfleinen übergeben. Die Vorspring wird festgemacht. Ich lasse Gegenruder geben und die E-Maschinen einen kurzen Moment lang anlaufen, damit sich auch das Heck sanft an die Pier drückt. Kurz darauf ist das Boot fest vertäut. Im Kriegstagebuch wird notiert 11. September 1939, 14:11 Uhr. Boot hat mit Steuerbordseite am Liegeplatz A2 im Kieler Tirpitzhafen festgemacht..

    Feindfahrten in GoogleEarth
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  6. #6
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    01. Oktober 1939, Kiel

    Die letzte Nacht an Land. Ich bin im Offizierskasino. Der Alte und der LI sind auch da, zusammen mit Offizieren anderer Boote. Der II WO hat Wache an Bord. Das Lokal ist für uns mit Marinememoralien dekoriert. Modelle verschiedener Boote, teilweise aus dem Weltkrieg, aber auch unsere heutigen Typen, teilen sich den Platz mit Vitrinen voll Knotenbretter. In den Ecken der Bar sind Positionslaternen angeschraubt, welche die Szene dezent grün und rot beleuchten. Der Pächter war sogar so voreilig und hat an der Wand mit den Fotos der Gefallenen aus dem Weltkrieg bereits Platz für neue Bilder geschaffen. Zum Glück haben wir noch keine Verluste zu beklagen. Bei den Kameraden in Wilhelmshaven sieht es anders aus. Noch im September war dort gleich für 2 Boote, U-39 und U-27, die Drei-Sterne-Meldung fällig. Es heißt U-39, ein Hochseeboot vom Typ IX A, wäre bei einem waghalsigen Angriff auf einen Flugzeugträger von den Eskorten versenkt worden und U-27 hätte es erwischt, als der Kommandant einen Angriff auf mehrere Zerstörer fahren wollte. Die haben jetzt sicher keine Halsschmerzen* mehr. Das war alles, was der Alte dazu meinte. Beide Kommandanten waren als Draufgänger mit Ambitionen auf das Ritterkreuz bekannt. Die Versenkung eines feindlichen Flugzeugträgers wäre sicherlich das Eiserne Kreuz wert gewesen - und eine persönliche Erwähnung im Wehrmachtsbericht.
    Dabei ist der Alte selber ein Kandidat auf das Eiserne Kreuz. Mit knapp 16.000 BRT hat er den mit Abstand größten Erfolg in diesem Krieg erzielt. Bei der Rückkehr wurde unser Boot persönlich vom FdU in Empfang genommen und mit einer kurzen Lobrede über die erbrachte Leistung bedacht. Die Piepels auf der Pier haben ganz schön geglotzt, als der Alte dann im Dienstwagen des FdU zum Stab kutschiert wurde.
    Die Gespräche im Offizierskasino drehen sich meist um den Krieg. Die Tommies werden immer frecher. Der gescheiterte Luftangriff auf Wilhelmshaven war erst der Anfang. In den küstennahen Gewässern der Nordsee, rund um die englische Küste, ist man vor Flugzeugen kaum noch sicher. Moehle, der Kommandant von U-20, kann ein Lied davon singen. Während seiner letzten Fahrt an die englische Küste wurde er von einem Swordfish-Torpedobomber an der Oberfläche überrascht. Zum Glück für Moehle war der erste Anflug schlecht ausgeführt. Beim zweiten Anflug hat er den Flieger dann mit der Fla-Waffe erwischt. Wenn jetzt auch noch großflächige Luftüberwachung auf dem Atlantik per Träger dazukommt, haben die Kameraden dort nichts mehr zu lachen. Bald werden sich die Tommies nicht mehr so dilettantisch anstellen wie Moehles Flieger.
    Auch sonst haben die Tommies schnell geschaltet. Wir sind nicht die einzigen, die es mit einem bewaffneten Frachter zu tun hatten. Scheringer von U-13 und von der Ropp von U-12 hatten es ebenfalls damit zu tun. Scheringer hatte einen bewaffneten Einzelfahrer gesichtet und bei von der Ropp fuhr der Dampfer sozusagen als Konvoisicherung mit, wie es auch bei uns der Fall war. Genutzt hat es den Tommies trotzdem nichts. Der Trick mit der Ubootfalle* hat schon im Weltkrieg nicht funktioniert.

    Ich setzte mich an den Tisch des Alten. Er und von der Ropp unterhalten sich über die Sichtungen englischer Uboote in 'unserem' Teil der Nordsee. Richtig, für von der Ropp heißt es ja auch bald wieder Auslaufen zum Einsatz. Nur daß er weiter raus fährt. Wahrscheinlich Osteinfahrt zum Ärmelkanal. Verdammt nah an den englischen Häfen. Da wimmelt es nur von Bewachern. Und bestimmt hat der Tommie auch Minen gelegt. Darin ist er ja geübt. Bestimmt hat er uns auch ein paar hübsche Eier vor die Tür gelegt. Oder die Flieger haben nachts Minen abgeworfen. Die kennen ja unsere Marschrouten. So wie deren Uboote uns belauern. Scheint so, als hätte ich einiges verpaßt. Ich war ja fast die ganze Zeit in Stralsund zur Geschützausbildung. Der Alte hat ganz fassungslos ausgesehen, als die Kommandierung kam. Ich kann ihm da nur zustimmen. Für unsere 20 mm brauchen wir keinen ausgebildeten Geschützführer.

    Kurz nach Mitternacht verlassen wir zusammen mit von der Ropp das Offizierskasino. Gegen 9:00 Uhr ist Auslaufen angesetzt. Davor wird noch einmal Frischverpflegung übernommen. Da heißt es früh aufstehen.

    *
    Halsschmerzen haben: Abfällige Bezeichnung für Personen, die Ambitionen nach dem Ritterkreuz hegten, da dieses um den Hals getragen wurde.
    Ubootfalle: Ein als Handelsschiff getarntes, bewaffnetes Schiff zur Ubootabwehr. Teilweise auch als neutrales Schiff getarnt. Sobald ein Uboot das Schiff gemäß Prisenordnung stoppt, sollte das Feuer auf das aufgetauchte Boot eröffnet werden.
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  7. #7
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    02. Oktober 1939, Kiel

    Wir haben einen schönen Tag zum Auslaufen erwischt. Kein Regen, kein Nebel, lediglich leichter Ostwind. Bestes Kaiserwetter. In der Förde herrscht starker Schiffsverkehr. Immer noch viele Kriegsschiffe darunter, die Ein- und Auslaufen. Die Minensucher, die vor Friedrichsort die Hafeneinfahrt überwachen, ziehen gemächlich ihre Bahnen. Wir hängen uns hinten dran. Daß der Feind hier in der Ostsee Minen gelegt hat, scheint zwar unwahrscheinlich, aber der Alte will kein Risiko eingehen. Offenbar hat ihm das gestrige Gespräch mit von der Ropp doch mehr zugesetzt, als er zugeben will. Wenn unsere Boote vor den feindlichen Häfen Minen legen können, dann kann der Gegner das sicher auch.
    Erst jetzt fällt mir die Frontspange auf, die auf Thomsens Brust prangt. Vermutlich hat der Alte ihn wegen der guten Leistung während der letzten Fahrt vorgeschlagen. Seinen Spitznamen hat Thomsen jedenfalls schon weg. Die Lords an Bord nennen ihn einfach Spökenkieker, während der Alte ihn als Orakel bezeichnet. Die Verleihung muß ich während des Lehrganges wohl verpaßt haben. Ebenso die Ankunft der 3 neuen Mannschaften, die mir erst während der Auslaufmusterung aufgefallen sind.

    Noch während der ersten Wache heizt der Alte der Mannschaft richtig ein. Von unten ist ständig ein "Zur Übung: Wassereinbruch ..." oder "Zur Übung: Feuer an Bord. Es brennt im ..." zu hören. Sobald wir in den Skagerrak einlaufen, müssen wir mit Angriffen rechnen. Uboote, Zerstörer, Flugzeuge, bewaffnete Frachter ... der Feind hat nicht lange gebraucht, um Abwehrmaßnahmen einzuleiten.
    Von gelegentlichen Übungsalarmen abgesehen verläuft die Anfahrt zum PQ jedoch ruhig. Wir sollen wieder den Flaschenhals zwischen Ostsee und Nordsee überwachen und feindlichen Schiffsverkehr unterbinden. Diesmal liegt das PQ näher an der Nordspitze Dänemarks. Das zu überwachende Seegebiet ist somit kleiner. Weniger Schlupflöcher, um unbemerkt an uns vorbeizuschleichen.
    Über das immer noch andauernde Aufkommen an feindlichen Schiffen kann ich mir keinen Reim machen. Vermutlich sind da auch einige getarnte Minenleger dabei. Nur wegen der Rohstoffe aus Schweden, Finnland und dem Baltikum würde der Tommie wohl nicht so ein Risiko eingehen und Schiffe und Besatzungen verheizen. Eine Unterstützung der Polen von See aus, ist mangels geeigneter Häfen ebenfalls ausgeschlossen. Der Alte ist jedenfalls der Ansicht, daß unser Einsatz hier vor der Haustür wohl bald beendet wird. Stattdessen wird sich unser Einsatzgebiet wohl mehr in die Nordsee hinaus verlagern, bis unter die englische Küste und mitten hinein in das Netz der englischen Seeüberwachung.


    05. Oktober 1939, Skagerrak

    Ich werde durch zaghaftes Rütteln des Zentralegasten geweckt. Wachablösung. Mit vom Schlaf noch steifen Gliedern streife ich mir das Lederzeug über und fahre in die schweren Stiefel. Kurz vor 4:00 Uhr stehe ich in der Zentrale und werfe einen Blick auf die Seekarte. Das Boot hat das befohlene Operationsgebiet gestern kurz vor Mitternacht erreicht. Seitdem fahren wir Suchkurse. Auf der Karte sehen die gleichmäßigen Linien wie die Zinnen einer Burg aus, einer Burg, die auf der Seite liegt. In der Marine ist es brauch, der abgelösten Wache die letzten Minuten zu erlassen. Deshalb entere ich pünktlich um 5 vor Voll die schmale Leiter zur Brücke hoch und übernehme die Wache des Obersteuermanns. Obwohl es bis zum Sonnenaufgang noch dauert, wird es im Osten bereits diesig. Es ist dieser kleine Zeitraum zwischen Nacht und Tag, dessen Magie ich mir kaum entziehen kann. Momente wie dieser zählen mit zu den schönsten Erlebnissen, die man auf See haben kann. Die See liegt flach in der aufziehenden Dämmerung, wie mit Öl übergossen. Es gibt kaum Wellen, die diesen Eindruck trüben, außer unserer eigenen weiß schäumenden Hecksee. Trotzdem darf ich mich nicht ganz diesem beeindruckendem Schauspiel hingeben. Mein Blick streicht routiniert über die Kimm. Erst langsam mit dem starken Seeglas. Dann das Glas ein Stück absetzen und die Kimm als Ganzes überblicken.
    Plötzlich kommt der Ruf "Schiff gesichtet!" Natürlich ist es Thomsen, der den Ruf ausgestoßen hat. Ich folge dem ausgestreckten Arm, während Thomsen seine Meldung vervollständigt.
    "Schiff gesichtet an Steuerbord voraus, 20 Grad. Bug rechts, geschätzte Lage 130. Entfernung circa 11 Meilen."
    Ich setze mein Glas an. Zuerst kann ich in der angegebenen Richtung nichts erkennen. Doch dann sehe ich tatsächlich 2 Masten, dünn wie Bleistiftstriche, die nicht einmal einen halben Finger breit über der Kimm stehen. Schon steht der Alte neben mir und setzt ebenfalls sein Glas an.
    "Thomsen, hat Ihnen Ihre Kristallkugel auch verraten, unter welcher Flagge der Zossen fährt?", bringt der Alte schließlich hervor, immer noch angestrengt durch sein Glas starrend.
    "Jawoll, Herr Oberleutnant. Fahrzeug fährt unter polnischer Flagge.", meldet Thomsen, während er leicht rot im Gesicht wird und fügt dann leiser hinzu: "Sah zumindest so aus."
    Der Alte reibt sich übers Kinn.
    "Beide Diesel AK voraus, Steuerbord 10, Neuer Kurs 1-6-5.", gibt er jetzt Maschinen- und Ruderkommandos ins Boot. "Wollen doch mal näher ranstaffeln und ein wenig vorsetzen."
    Noch während der Bug sanft nach Steuerbord dreht geht ein Ruck durchs Boot, als die Diesel auf AK-Fahrt gehen. Das sonore Brummen schwillt zu einem lauten Dröhnen an, während das Boot schnell Fahrt aufnimmt. Der öligblaue Qualm, den wir hinter uns herziehen, legt sich wie ein Schleier über die brodelnde Hecksee. Das Boot ist bereit zur Jagd.
    Drüben wächst das andere Schiff schnell über die Kimm. Der Alte starrt mit regloser Miene hinüber. Immer mehr Details werden durch unsere Gläser deutlich. Vor uns liegt ein kleiner Frachtdampfer, kaum größer als 1600 Tonnen. Es ist tatsächlich ein Pole. Zwischenzeitlich läßt der Alte das UZO auf die Brücke holen. Überwasserangriff!

    "So Krämer, dann wollen wir mal loslegen.", meint der Alte als wir uns in einer guten Position vor dem Dampfer positioniert haben.
    "Jawoll, Herr Oberleutnant.", erwidere ich und klemme mich hinter die Säule. Diesmal soll ich den Angriff fahren.
    "Rohr I bewässern. Klarmachen zum Überwasserschuß.", gebe ich die Kommandos für den Angriff.
    "Rohr I ist klar zum Überwasserschuß, bis auf Mündungsklappe.", kommt deutlich die Bestätigung von unten.
    "Bug rechts. Lage 80. Entfernung 2500." Ich zögere kurz. Wie tief mag ein solcher Dampfer wohl im Wasser liegen? "Torpedogeschwindigkeit 44, Lauftiefe 6 Meter."
    "Ist eingestellt."
    Die Spannung auf der Brücke ist zum zerreißen gespannt. Der Dampfer hat uns zwischenzeitlich bemerkt und beginnt schwerfällig nach Backbord zu drehen. Kaum mehr als eine Geste des Widerstands. Unseren schnell laufenden Torpedos kann er nicht davonfahren. Trotzdem korrigiere ich kurz die Zielangaben und lasse die geänderten Werte in den Torpedorechner einspeißen.
    "Rohr I feuerbereit machen! Mündungsklappe öffnen.", rufe ich nach unten, als wir nur noch kanpp über 1000 Meter entfernt sind.
    "Rohr I ist feuerbereit.", kommt die Bestätigung.
    "Rohr I ... Los!" Ich zähle innerlich bis drei, um dem Torpedo das Lösen vom Boot zu ermöglichen. "Ruder hart Backbord, Backbordmaschine Kleine Fahrt voraus, Steuerbordmaschine Große Fahrt voraus."
    Unsere Bugwelle fällt in sich zusammen, als die Diesel mit der Fahrtstufe heruntergehen. Unsere Hecksee läuft schäumend an uns vorbei, während der Bug rasch abdreht. Jetzt bloß nicht zu nah rankommen und eine Kollision provozieren.
    Ein rascher Blick zum polnischen Frachter. Die Blasenbahn des Torpedos läuft gut sichtbar auf den Zossen zu, hat ihn fast schon erreicht, als eine schäumende Wassersäule emporsteigt und auf dem Deck niederregnet. Treffer!
    "Ruder Mitschiffs. Recht so. Beide Maschinen Kleine Fahrt voraus.", gebe ich Kommandos, um die Drehbewegung des Bootes zu stoppen. Der Pole liegt jetzt achteraus.
    "Recht so, 1-0-7 liegt an.", bestätigt der Rudergänger.
    Ich blicke wieder zum Frachter zurück. Eine Sekundärexplosion erschüttert den Rumpf, möglicherweise die Kesselanlage oder Teile der Ladung. Metalltrümmer der Decksaufbauten werden ins Wasser geschleudert. Der Bug liegt bereits tief im Wasser und wird von der verbleibenden Restfahrt noch weiter unter Wasser gedrückt. Nach kaum 5 Minuten sind nur noch Trümmer und aufgeschwommene Flöße an der Untergangsstelle zu sehen, an denen sich die Überlebenden der Besatzung festklammern. Um Boote ins Wasser zu lassen, war keine Zeit mehr.
    Der Alte läßt beide Diesel auf Langsame Fahrt gehen und behält den Ostkurs bei, auf die aufgehende Sonne zu. Der goldene Schimmer, der sich jetzt über die See legt, läßt die ganze Szene unwirklich erscheinen.


    Auslaufen aus Kiel


    Einzelfahrer entdeckt











    Überwasserangriff auf Frachter


    Ablaufen auf Ostkurs in den Sonnenaufgang

    Feindfahrten in GoogleEarth
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  8. #8
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    Obwohl meine Wache erst in einer halben Stunde beginnt, hält es mich nicht mehr im Boot. Deshalb verhole ich mich auf die Brücke. Das Wetter ist uns weiterhin wohlgesonnen. Über mir ist der klare Sternenhimmel, um mich nur die glatte See, auf der sich Sterne spiegeln. Der Mond steht wie ein riesiges, weiß leuchtendes Segel auf der Kimm, als wolle er uns den Weg leuchten. Das sanfte Rauschen, wenn das Boot sich sachte einen Weg durch das Meer bahnt, umfängt mich. Es sind Momente wie dieser, die Zauber der See, die mich bewogen haben, mich zur Kriegsmarine zu melden. Wäre nicht der Obersteuermann mit den wachsamen Posten seiner Wache, fiele es mir nicht schwer, mir vorzustellen alleine auf dem Meer zu sein. Ich lehne mich gegen den Sehrohrbock und versuche mir vorzustellen, wie wohl die Seeleute früherer Zeiten empfunden haben, als einzig der Wind sie auf ihren großen Segelschiffen über die Ozeane blies.

    Es dauert nicht lange und die Männer der ersten Seewache ziehen auf. Jetzt bin ich es, der die Verantwortung für Boot und Besatzung trägt. Der Mond leuchtet die See fast taghell aus. Andere Schiffe sind so schon auf große Entfernungen gut zu erkennen. Leider sind wir das auch. Unsere Silhouette ist zwar klein, besonders wenn wir die schmale Seite zeigen, muß sich bei dieser Beleuchtung aber dennoch deutlich von der See abheben. Zum Glück sind nachts keine Flieger unterwegs. Unsere Hecksee muß aus der Luft deutlich zu sehen sein. Ein langes, weiß leuchtendes Band, das sich nach Westen zieht. Seit den Morgenstunden trägt uns das Boot nun schon tiefer in den Skagerrak hinein. Vermutlich spekuliert der Alte auf Dampfer, die von oder nach Kristiansand laufen. Verrückt! Obwohl wir nun schon seit über 5 Wochen im Krieg sind, scheint diese Erkenntnis noch nicht in die Köpfe der britischen Handelsmarine durchgedrungen zu sein. Wenn die Frachter nicht verdunkelt fahren würden, könnte man fast meinen, es wäre tiefster Frieden. Da muß doch ein versteckter Sinn dahinter sein. Der Alte ist sich sicher, daß die Tommies irgendeine Gemeinheit planen. Minen! Die Gegend müßte sich doch prima zum Minenlegen eignen. Die norwegische Neutralität, die unsere Erzfrachter auf dem Weg nach Narvik schützt, kommt hier auch den Tommies zugute. Solange sie dicht unter der norwegischen Küste fahren, dürfen wir sie ebensowenig angreifen, wie sie uns. Und Minen kann jeder gelegt haben. Schwer nachzuwiesen, von welchem Schiff eine Mine kommt. Besonders, wenn der Dampfer schon hunderte Meilen entfernt ist, bevor der erste Kolcher auf eine Mine läuft und hochgeht.
    Unser polnischer Einzelfahrer von gestern war jedenfalls ein äußerst seltener Anblick. Die meisten polnischen Schiffe haben den Ausbruch aus der Ostsee schon vor Wochen gewagt oder sich nach Schweden geflüchtet. Nachdem heute die Einstellung der Kampfhandlungen über den Rundfunk bekannt gegeben wurde, dürfte es auch dabei bleiben.

    Später in der Nacht erweist sich die Vermutung des Alten als richtig. Kurz nach 19:00 Uhr fing unser Funker ein FT auf. Ein russischer Frachter hat knapp nördlich unserer Position einen kleinen Konvoi verdunkelt fahrender Schiffe ausgemacht und die Schiffe per Kurzwelle angerufen, schön mit Zeit und Positionsangaben wie es sich gehört. So sieht wohl die wohlwollende Neutralität aus, die der Russe uns gegenüber eingenommen hat. Der Alte hat sich sofort über den Kartentisch hergemacht und kommt jetzt, zufrieden mit seinem ausgeknobelten Abfangkurs, auf die Brücke.
    "Beide Maschinen AK, Steuerbord 20, neuer Kurs 3-4-0.", kommen die Kommandos an Maschine und Rudergänger.
    Das Boot nimmt merklich Fahrt auf und dreht den Bug. Trotz der ruhigen See kommt Spritzwasser über, das mit den Lederlappen von den Gläsern geputzt werden muß.
    "Wenn das Besteck stimmt, stehen wir nur knappe 10 Meilen vom vermuteten Abfangpunkt entfernt.", gibt mir der Alte zu wissen.
    "Die Russen haben doch auch fähige Steuermänner.", gebe ich zurück. "Dem Besteck würde ich jedenfalls mehr vertrauen, als einem Besteck von Görings Truppe."
    Die Bestecke sind bei den Jungs unseres Reichsjägermeisters, wie Göring in der Flottille spöttisch genannt wird, immer das Problem. Oder vielmehr die ungenauen Bestecke. Für ein Flugzeug mag es ja unbedeutend sein, ob der eigene Standort auf 20 Meilen genau stimmt oder eben nicht. Für uns bedeuten 20 Meilen knapp 2 Stunden AK-Fahrt. Genug Zeit für einen gemeldeten Konvoi, um uns unbemerkt zu passieren, weil wir an der falschen Stelle suchen.
    Doch diesmal haben wir Glück. Das Besteck des Russen stimmte. Nach knapp 40 Minuten Fahrt kommen recht voraus Mastspitzen über die Kimm. Im hellen Mondschein ist der Red Ensign trotz Verdunkelung gut auszumachen. Der Alte läßt mit Großer Fahrt näher heranstaffeln, um Gegnerkurs und Geschwindigkeit einwandfrei ermitteln zu können.
    Die Schiffe sind gegen den Mond gut zu erkennen. Vier Dampfer, schön in Kiellinie fahrend. Bevor wir zum Angriff ansetzen, läßt der Alte eine Kontaktmeldung abgeben. Möglich, daß wegen der mondhellen Nacht trotzdem Seeaufklärer aufsteigen, oder andere Einheiten der Kriegsmarine angreifen können.


    Zitat von "Kontaktmeldung von U-1
    1957 -164-
    KLDY VOHC TUVF XLGQ HNIU DPPG NJXG FVLX YXDJ YEML JIOL ZKGY SKCD JWTN LLME EPXS GAZS HTZL USCR OJIZ YBZN SERX OBPJ MWQH NZPG ZUOJ VTYX GOEW EAYH TXHR NTLB WQYU SBGH ZBLD WYWL ORJZ VYOU GGTM AVWH KLDY VOHC
    Als wir eine günstige Schußposition erreicht haben, läßt der Alte die Brückenwache einsteigen und tauchen. So dicht unter der norwegischen Küste will er wohl nichts riskieren und gemäß BdU-Befehl einen Minentreffer vortäuschen. Noch während der Alte das Turmluk schließt, weiht er mich in den Angriffsplan ein. Das erste Ziel soll der Trampdampfer sein, der vorne weg fährt. Danach der Schüttgutfrachter an zweiter Stelle und zuletzt ein Kolonialfrachter, der den Abschluß bildet. Den Passagierdampfer in der Mitte will er gemäß Führerbefehl auslassen.
    Im Turm höre ich den Sehrohrmotor abwechselnd anspringen und stoppen, während wir mit Kleiner Fahrt fast auf der Stelle treten. Immer schön die Batterien schonen und den Feind rankommen lassen, sage ich mir. In unserer Schußposition, ein gutes Stück vor dem Konvoi bleibt uns auch kaum etwas anderes übrig, als zu warten, bis die Tommies richtig stehen.
    "Schaltung für Rohr I, Bug rechts, Lage 60. Entfernung 2000 Meter. Torpedogeschwindigkeit 44, Lauftiefe 6 Meter.", gibt der Kommandant von oben durch.
    In rascher Folge kommen dann auch die Schaltungen für Rohr II und III. In der Zentrale herrscht eine gespannte Stimmung. Ich versuche einen Blick auf die Karte zu erhaschen, auf der vom Obersteuermann die Positionen der Dampfer mitgekoppelt werden. Der Trampdampfer hat uns bereits passiert und jetzt wohl schon Lage 100 anliegen.
    Vorne werden die Mündungsklappen geöffnet. Wir liegen in bester Position, fast wie aus dem Lehrbuch. Warum kommt denn kein Feuerbefehl?
    "Rohr I los!", kommt jetzt von oben die ruhige Stimme des Alten und gleich danach, nur kurz unterbrochen vom Anspringen des Sehrohrmotors die Feuerbefehle für Rohr II und III.
    Im Bugraum wird jetzt geschuftet, was das Zeug hält. Der Torpedomechanikersmaat heizt seiner Truppe ordentlich ein, damit der letzte Torpedo schleunigst geladen wird. Selbst wenn alle Torpedos ins Ziel laufen, kann es doch nötig sein, noch einen Fangschuß hinterzusetzen.
    Ich beobachte gebannt die Stoppuhr in meiner Hand.
    "Zeit um für Torpedo aus Rohr I!", melde ich.
    Obwohl es jetzt Zeit für den Explosionsknall wäre, bleibt es ruhig.
    "Zeit um für Torpedo aus Rohr II und III!"
    Noch während meiner Meldung dröhnt draußen ein Doppelschlag gegen den Druckkörper. Der Torpedo aus Rohr I muß fehlgegangen sein!, schießt es mir durch den Kopf. Und gleich darauf Unmöglich, bei dieser Schußlösung! Das hätte ein sicherer Treffer werden müssen!
    Ein weiterer Knall ist von draußen zu hören, gefolgt von metallischem Kreischen. Da geht einer in die Knie.
    "Hart Backbord, beide Maschinen AK voraus. Frage an Torpedoraum: Wann ist nachgeladen?", kommt es aus dem Turm.
    Das Bienensummen der E-Maschinen wird lauter. Zwischen den leisen Meldungen ist es deutlich zu hören. Ich gebe die Meldung des Torpedomechanikersmaaten weiter. Noch 5 Minuten bis der letzte Aal im Rohr steckt. Der Alte quittiert das mit einem Grunzen. Wenn die oben die Fahrt erhöht haben, können wir mit den E-Maschinen nicht Schritt halten und müssen uns Absetzen und zu einem zweiten Anlauf auftauchen. Dann kann der Konvoi aber bereits in norwegischen Gewässern sein. Den Torpedo aus achterlicher Lage hinterher zu setzen ist auch nicht gut. Aus dieser ungünstigen Lage kann der Torpedo leicht fehlgehen.
    "Zäher Brocken.", höre ich jetzt von oben. "Genau Mittschiffs getroffen. Einfach so weggesteckt, als ob nichts wäre."
    Ich fluche innerlich, weil ich nicht weiß, was oben vor sich geht. Einen Dampfer haben wir in den Keller geschickt. Das brechen der Schotts war deutlich zu hören. Aber welchen hat es erwischt?
    "Sehrohr einfahren. Schnell auf 25 Meter gehen! Hart Steuerbord, auf 0-9-0 gehen.", kommt es jetzt aus dem Turm.
    Der LI zwingt das Boot mit Hartruderlagen und starker Vorlastigkeit auf Tiefe. Der Alte kommt die Leiter aus dem Turm heruntergepoltert und grinst uns schelmisch an, wie ein Schuljunge, der etwas ausgefressen hat.
    "Der Passagierdampfer muß unseren Sehrohrkopf gesehen haben. Hat geradewegs auf uns zu gedreht und zum Rammstoß angesetzt. Hat gute Nerven da oben."
    Gute Nerven, echoet es in mir. Die brauchen wir hier jetzt auch. Das mit dem Vortäuschen von Minentreffern hat sich jedenfalls erledigt. Den Alten ficht das nicht an. Er hat sich gemütlich auf der Kartenkiste breitgemacht und grinst immer noch vor sich hin. Plötzlich zeigt er sich ungewohnt gesprächig.
    "Den Schüttgutfrachter hat´s erwischt. Der ist gleich nach dem Treffer mittschiffs eingeknickt. Der andere Zossen ist da ein ganz zäher Bursche. Macht stark Schlagseite. Aber schleppt sich trotzdem weiter, als ob in das gar nicht interessiert. Nicht mal langsamer geworden, der Bursche." Der Kommandant zeigt sich plötzlich sehr gesprächig. "Haben nach Norden gezackt. Vermutlich erstmal nen kleinen Haken schlagen. Wollen doch erstmal nach Osten steuern und nochmal vorsetzen zum Fangschuß."

    Gleich nachdem die Meldung des Torpedomechanikermaaten kommt, läßt der Alte wieder auf kleine Fahrt gehen und Sehrohrtiefe ansteuern. In der Zentrale ist wieder sporadisch das Anspringen des Sehrohrmotors zu hören, wenn der Alte "Karussel fährt".
    "Backbord 20. Neuer Kurs 3-6-0.", kommt es jetzt leise von oben. "Eintrag ins Kriegstagebuch: Kolonialfrachter macht stark Schlagseite nach Steuerbord. Durch Feuer an Obderdeck gut auszumachen. Macht weiterhin Fahrt, fällt aber zurück. Setze zum Fangschuß an."
    Im Bugraum wird jetzt das Torpedorohr mit unserem letzten Torpedo bewässert, während der Alte die Werte für die Schußlösung durchgibt. Der Sehrohrmotor springt immer wieder für einen kurzen Moment an, wenn das Sehrohr aus- oder einfährt. Offenbar will der Alte warten, bis sich die Schußdistanz verringert hat.
    "Holla, der hat aber aufgedreht!", entfährt es dem Alten, als das Sehrohr nach kurzer Pause wieder ausfährt. "Gegnerfahrt jetzt 8 Knoten. Lage 110. Entfernung 900 Meter."
    "Eingestellt!", melde ich, nachdem die Werte in den Torpedorechner eingespeißt wurden.
    "Rohr III los!"
    Der letzte Torpedo ist unterwegs. Mit Lage 110 haben wir den optimalen Zeitpunkt für den Torpedoschuß längst verpaßt. Offenbar war der Dampfer zur Schadensbehebung oder Leckabwehr kurzzeitig mit der Fahrt herunter gegangen und hat dann genau in der Zeitspanne zwischen zwei Rundblicken wieder die Fahrtstufe erhöht. Jetzt muß der Torpedo dem Dampfer hinterherlaufen und trifft dann leicht schräg auf die Bordwand. Beste Voraussetzungen für ein Versagen der Zündpistole also. Am Ende der Laufzeit ist dann aber doch der scharfe Knall der Explosion deutlich zu hören, gefolgt von metallischem Kreischen und dem Brechen der Schotten. Diesmal haben wir ihn erwischt.
    Der Alte kommt jetzt wieder gemächlich in die Zentrale herunter und läßt das Boot auf 25 Metern steuern. Wir laufen mit halber Fahrt nach Süden ab. Erst nach einer knappen Stunde tauchen wir wieder auf und setzen unseren Suchkurs fort.



    Sternklare Mondnacht


    Geleitzug gesichtet



    Tauchen zum Angriff







    Angriff


    Schüttgutfrachter sinkt



    Kolonialfrachter schleppt sich mit Schlagseite weiter


    Ausweichen vor Rammstoß







    Ansetzen zum Fangschuß

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  9. #9
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    Der Wind hat seit gestern aufgefrischt und bläßt uns eine schwere Dünung aus Süden entgegen. Wir stehen fast quer See. Dadurch schlingert das Boot mitunter sehr heftig, wenn es von es von einer besonders schweren See getroffen wird. Beim Mittagessem bleiben die Teller fast unberührt stehen. Der einzige, dem das ganze Geschaukel den Appetit nicht verdorben hat, ist der Kommandant. Demonstrativ schaufelt er seine Portion in sich hinein und läßt beim Schmut sogar nach Nachschlag anfragen. Es scheint, als könne den Alten kaum etwas aus der Ruhe bringen. Und doch beschäftigt ihn etwas. Ich merke es, wenn er mit dem Obersteuermann über Seekarten brütet und die Schiffstagebucheinträge während des letzten Angriffs durchblättert. Der Torpedoversager beschäftigt mich ebenfalls. Das war ein Angriff wie aus dem Bilderbuch. Ruhige See, günstige Lage, kurze Schußentfernung. Außerdem ist der Alte ein Profi. Seine Werte haben gestimmt. Unwahrscheinlich, daß er sich bei Entfernung oder Gegnerfahrt verrechnet hat. Die anderen beiden Aale haben ja auch gesessen, fast zeitgleich sogar, wie es beabsichtigt war. Ein Einzelfall scheint das hingegen nicht zu sein. Auch andere Boote berichten von Problemen mit den Torpedos. Dabei hatten wir noch Glück. Von 5 Torpedos nur ein Versager. Auf einem anderen Boot soll es dem Kommandanten einen ganzen Viererfächer verhagelt haben. Wie dämlich die wohl aus der Wäsche geguckt haben müssen. Da kann der Kommandant noch so einen schneidigen Angriff fahren, wenn die Aale nicht zünden, verhagelt es ihm die Graupen ganz gewaltig.

    Am nächsten Tag verschlägt es selbst dem Alten den Appetit. Der Funker hat eine erneute Aufforderung zur Standortmeldung an U-12 empfangen. Von der Ropp ist mit seiner Standortmeldung längst überfällig. Vermutlich ist da die nächste 3-Sterne-Meldung fällig. Richtig daran glauben will hier keiner. Bloß nicht ans Absaufen denken. Sicher gibt es einen guten Grund, warum von der Ropp sich nicht meldet. Möglich, daß bei ihm der Antennenschacht abgesoffen ist. Dann ist es jedenfalls erstmal Essig mit der ganzen Pusterei*.
    Einlaufstimmung will trotzdem nicht so recht aufkommen, obwohl uns kaum mehr als 30 Stunden vom Hafen trennen. Die Grübelstimmung des Alten legt sich wie ein düsterer Schatten auf das ganze Boot. Selbst als der Zentralemaat unsere Erfolgswimpel malt, bleibt die Stimmung gedrückt. Die schweren Seen und die schmutzig-grauen Wolken, die tief über uns hängen, besorgen den Rest. Die Laune der Männer steigt erst wieder, als die Lichter Kiels am nächsten Tag durch die pechschwarze Nacht glimmen und uns willkommen heißen.



    Rückmarsch bei schwerem Seegang

    Feindfahrten in GoogleEarth
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  10. #10
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    01. November 1939, 1. Seetag

    Wir sind wieder auf See. Der Alte hat Auslaufen kurz nach Mitternacht befohlen, quasi im Schutz der Dunkelheit. Diesmal soll es weiter raus gehen, um Dänemark herum nach Südengland, vor die Einfahrt des Ärmelkanals. Nicht weit ab davon soll von der Ropp nach Minentreffer abgesoffen sein. Sein Foto ziert jetzt die Wand der Offiziersmesse, zusammen mit Fotos von Barten, Dau, Gelhaar und Wellner. Barten und Wellner sind, ebenso wie von der Ropp, im Kanal auf Minen gelaufen. Dau und Gelhaar hat es dagegen fast am gleichen Tag beim Angriff auf einen schwer gesicherten Konvoi südwestlich Irlands erwischt. Überlebende gab es nur von U-Dau, der sein Boot noch an die Oberfläche brachte. Weniger als die Hälfte der Piepels konnten geborgen werden. Die andere Hälfte wurden von der britischen Artillerie zerfetzt. Die geben nicht eher Ruhe, bis der Turm vor Blut trieft. heißt es in der Flottille.




    Daß wir nun näher an den Feind geht, bereitet mir auch ein flaues Gefühl im Magen. Die Tommies haben nicht lange gezögert. Wo es nur geht fahren die Schiffe jetzt im Konvoi, gut beschützt von Zerstörern. Konvois hatten sich ja auch im Weltkrieg schon bewährt und unsere Boote höchst effektiv von Angriffen abgehalten. In einigen Konvois sollen sogar dicke Schlachtschiffe mitfahren, seit unsere eigenen Dickschiffe draußen sind. Auch sonst haben die Tommies schnell geschaltet. Minensperren und Uboote lauern auf unseren Anmarschwegen und selbst aus der Luft muß jederzeit mit Angriffen gerechnet werden.
    Wohl auch deshalb nimmt der Kommandant den weiten Umweg über den Skagerrak in Kauf. Bei einem Luftangriff während der Passage des Kaiser-Wilhelm-Kanals läge unser Boot auf dem Präsentierteller. An Ausweichen oder gar Tauchen wäre nicht zu denken. Zwar wagen sich die Bomber der Tommies noch nicht so nah heran, aber der Alte meint, er könne sehr gut auf die zweifelhafte Ehre verzichten, auf dem ersten im Kanal versenkten Boot zu fahren.

    Die Lichter Kiels verblassen nur langsam. Dieser Einsatz bringt uns an den Rand unseres Fahrbereichs. Die Diesel treiben das Boot deshalb nur mit Langsamer Fahrt vorwärts, um Treiböl zu sparen. Auf dieser Fahrtstufe reicht der Vorrat in den Treibölbunkern für etwas mehr als 2200 Seemeilen. Laut Rechnung des Obersteuermanns beträgt unsere gesamte Fahrtstrecke, inklusive der geplaneten Suchkurse und Rückmarsch, ganze 2000 Meilen. Bleibt eine magere Reserve von knapp 200 Meilen, die der Alte sich für Abweichungen vom Plan und kurzen Sprints mit AK aufsparen will.

    Im Osten beginnt es allmählich zu dämmern und die Sonne schiebt sich gemächlich über die Kimm. Trotz der Kälte verspricht es ein schöner Tag zu werden. Die See liegt friedlich um uns und es sind kaum Wolken am Himmel. Während ich mit meinem Glas den Horizont absuche, lasse ich mir von der Sonne gemütlich die Kälte aus den Gliedern treiben.



    Nach der Wachablösung verhole ich mich in die O-Messe, wo der Alte über die Funkkladde gebeugt sitzt und die letzten Funksprüche abzeichnet. Mit unbeweglicher Miene teilt er mir mit, daß ab sofort keine Uboote mehr durch den Ärmelkanal fahren dürfen. Wegen der starken Minengefahr, fügt er hinzu. Ich kann mir denken, was der Alte gerne noch sagen würde. Für Barten, Wellner und von der Ropp kommt dieser Befehl zu spät.

    Das gute Herbstwetter hat nicht lange gehalten. Die letzten Tage über hat sich der Himmel immer mehr ins gräuliche verfärbt und der Westwind hat ordentlich aufgefrischt. Am 4. Seetag schließlich treffen uns die ersten Vorboten eines Herbststurms. Obwohl wir Dänemark noch nicht ganz umrundet haben, kommt kurz nach Mitternacht eine schwere Dünung auf, in der das Boot heftig zu stampfen beginnt. Während der Durchquerung des Skagerrags nehmen Wind und Seegang immer weiter zu. Das Boot bockt wie ein störrisches Pferd. Auf den Wellenbergen kommt der Bug bis zur Zentrale frei und schwebt in der Luft, nur um sich im nächsten Moment mit starker Vorlastigkeit in das nächste Wellental zu bohren, als wolle das Boot mit "Alle-Mann-voraus" auf Tiefe gehen. Die Brücke wird dabei jedesmal bis zur Schanz überspült, sodaß wir bis zur Brust in der kochend sprudelnden See stehen. Ich achte bei meiner Wache mittlerweile darauf, daß die Männer ihr Gurte mit zwei Haken in die Brückenverkleidung einhängen, damit niemand aus der Brücke gewaschen wird. Wer in dieser See über Bord geht, hat keine Chance mehr auf Rettung.
    Der LI läßt die Lenzpumpe nun fast pausenlos mitlaufen, um das überkommende Wasser aus dem Boot zu bekommen. Wegen der andauernden Feuchtigkeit hat sich ein ständiger feuchter Film auf jeder Oberfläche gebildetet. Es wird nicht lange mehr dauern bis das Kojenzeug und selbst unsere Hemden, die wir nie ausziehen, den modrigen Gestank des Schimmels verbreiten.
    Die Brückenwache wurde inzwischen auf 2 Stunden verkürzt. Länger hält das da oben keiner mehr aus. Und selbst dann spürt man jeden Muskel im Körper von der ständigen verkrampften Haltung und dem angestrengten Festhalten. An vernünftigen Ausguck ist nicht mehr zu denken, besonders da die Sichtweite in den Wellentälern fast auf Null gesunken ist. Selbst in den Freiwachen martert uns die See ohne Erbarmen. So sehr ich mich auch in meiner Koje festklemme, so findet die See immer wieder einen Weg, das Boot so herumzuwerfen, daß ich halb aus der Koje falle. Der einzige Lichtblick ist das tägliche Prüfungstauchen, das der Alte auf eine volle Stunde ausgedehnt hat, die einzige Verschnaufpause für die Besatzung.







    Das Boot in schwerer See






    KEINE Tauchmanöver, sondern tiefes Eintauchen während Sturmfahrt

    Am Morgen des siebten Seetages erreichen wir endlich unser Operationsgebiet vor der südenglischen Küste. Der LI läuft ständig mit bedrückter Miene durchs Boot und auch dem Alten haben sich Sorgenfalten tief ins Gesicht geschnitten. Durch den Sturm ist unser Treibölverbrauch höher als erwartet. Das versaut dem Alten seine Rechnung gründlich. Zusammen mit dem Obersteuermann knobelt er neue Suchkurse aus, mit denen wir das Operationsgebiet möglichst großflächig absuchen und trotzdem unseren Verbrauch niedrig halten können. Nachdem der Alte sich wieder in die O-Messe verholt, werfe ich einen Blick auf die Seekarte. Mehr als 30 Stunden werden wir uns hier nicht aufhalten können. Von Reserven für AK-Fahrt redet ohnehin niemand mehr.
    Ich muß mich gegen meinen ansteigenden Zynismus wehren. Sieben Seetage Anmarsch, dazu die Tortur durch den Sturm, die wir hier erdulden müssen, und das für gerade einmal 30 Stunden im Operationsgebiet. Der Erfolg der gesamten Unternehmung ist mehr als fraglich. Selbst wenn es uns gelingen sollte, den Feind aufzuspüren, so ist bei diesem Wetter gar nicht an Waffeneinsatz zu denken.

    In der Nacht des 7. November, kurz vor Mitternacht, werde ich vom Zentralegasten gewahrschaut. Die Nacht über hat der Alte tauchen lassen. Bei diesem Wetter hört man getaucht mehr, als man oben sehen kann. Beim Rundhorchen hat der Horcher Schraubengeräusche an Backbord querab aufgefaßt. Vermutlich Einzelfahrer auf Ostkurs bekomme ich zu hören, als ich mich in die Zentrale verholt habe. Der Alte läßt auf Nordkurs gehen, der vermuteten Kurslinie des Horchkontaktes entgegen. So arbeiten wir uns noch gute 10 Minuten heran, bis der Alte schließlich auftauchen läßt. Als das Boot steigt, wird auch der Seegang spürbar. Da oben ist noch immer allerhand los. Zusammen mit den Brückenposten zwänge ich mich in das Ölzeug. Kaum daß der Turm freikommt, reißt der Alte schon das Luk auf. Sofort kommt ein mächtiger Wasserstrahl wie eine massive Säule heruntergestürzt. Der Sturm scheint in seiner Kraft nicht nachgelassen zu haben. Ich halte mich an der Leiter bereit. Als ich spüre wie der Bug sich aufbäumt entere ich hastig hinauf und schlage mir prompt die Knie auf. Minutenlang starren wir uns die Augen aus dem Kopf, bis sich schließlich Backbord voraus ein Schatten aus den Wellen schält. Der Frachter ist nur für Sekunden zu sehen, wenn eine See das Boot über die Wellenberge hebt. Wären wir nicht zum Rundhorchen getaucht, hätten wir glatt an dem Burschen vorbeikarren können, ohne es zu merken.
    Ich kann es dem Alten ansehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitet. Er will, nein, muß angreifen, trotz der miserablen Umstände. Mit guter Chance bleibt das hier unser einziger Feindkontakt bis zum Rückmarsch in wenig mehr als 10 Stunden. Wenn der Schuß daneben geht, so ist das allemal besser, als mit vollen Rohren und ohne Erfolgswimpel nach Hause zu kommen. Und selbst wenn wir noch ein anderes Schiff in Sicht bekommen, so wird das Wetter nicht besser sein.

    Der Kommandant läßt das UZO hochgeben. Bei diesem Seegang wird die Peilung nicht sonderlich genau sein und die restlichen Werte wie Entfernung und Gegnerfahrt muß der Alte sich auch aus den Fingern saugen. Doch seine Befehle kommen ihm sicher über die Lippen. Auch wenn es ein Hüftschuß wird, muß es klappen. Der Dampfer ist mittlerweile auf gut 700 Meter heran.
    "Fächerschuß aus Rohr I und II. Mündungsklappen öffnen.", gibt der Alte seelenruhig das Kommando, obwohl schon wieder ein schwerer Brecher durch die Brücke strudelt.
    Jetzt muß er versuchen, das UZO auf den Dampfer gerichtet zu lassen.
    "Fächerwinkel Eins. Entfernung 600. Torpedogeschwindigkeit 44. Lauftiefe 5 Meter. Rohr I und II ...", setzt der Alte an, als der Bug erneut tief eintaucht und uns für Sekunden jegliche Sicht auf den Trampdampfer nimmt. Als das Boot den nächsten Wellenberg erklimmt, liegt der Dampfer plötzlich mitten vor uns. "Torpedos Los!"
    Für Sekunden halte ich den Atem an. Der Bug hängt mitten in der Luft, als die Torpedos ausgestoßen werden. Ich kann beide Aale durch die Luft fliegen sehen, bevor sie mit einem lauten Klatschen in die wirbelnde Brühe eintauchen. Obwohl die Schnellboote ihre Torpedos ähnlich schießen, bin ich skeptisch. Das kann doch gar nichts werden.


    Torpedoangriff im Sturm

    Wie gebannt starren wir alle zum Trampdampfer hinüber. Wenn die Torpedos richtig laufen, müßten sie jeden Moment treffen. Bei der geringen Entfernung beträgt die Laufzeit nur wenige Sekunden.
    RUMMMMS! Von drüben steigt eine riesige Wassersäule senkrecht empor. Noch ehe die Säule herabfallen kann, steigt nur wenig weiter achtern eine zweite Säule empor. Das Schiff fängt fast augenblicklich Feuer auf dem Vordeck. Weißer Dampf kringelt sich in dicken Schwaden an den Aufbauten entlang. Da ist nicht nur eine Dampfleitung geplatzt. Plötzlich gleißt ein Feuerball vor der Brücke auf und schleudert Teile der Aufbauten ins Wasser. Der Dampfer knickt vor der Brücke ein und reißt auseinander. Wie ein Stein gehen beide Teile getrennt auf Tiefe. Nur ein schwarzer Ölfleck bleibt zurück, der von den Wellen rasch zerschlagen wird.










    Am nächsten Tag läßt der Alte das Boot kurz nach Mittag auf Heimatkurs legen. Die Treibölbestände sind bereits auf eine knappe Hälfte zusammengeschmolzen. Der Sturm begleitet uns noch immer und läßt die Seen jetzt von achtern auf die Brücke brechen. Wie die Wellen an uns vorbeiziehen könnte man fast denken, wir würden rückwärts fahren. Und doch kommen wir der Heimat mit jeder Minute näher.
    Erst als wir am 12. Seetag Skagen passieren und in das Kattegat einlaufen, schmelzen die Brecher zu einer langen Dünung dahin. Zwar fährt der Bug immer noch scharf in die Wellen, um sie dann beim beim Hochkommen auf der Back zu zerschneiden, aber bis auf Spritzwasser kommt nichts mehr über. Der Himmel klart allmählich auf. Chance zum Sterne schießen für den Obersteuermann.



    Rückmarsch

    Unsere Dieselreserve schwindet weiterhin dramatisch. Der Rückmarsch durch den Sturm hat schwerer daran genagt, als der LI vorher geschätzt hat. Von den 12 Tonnen Treiböl sind nur mehr 3 Tonnen übrig und bis zum Einlaufen wird es noch mindestens 2 Tage dauern. Als wir schließlich am 14. Seetag in Kiel festmachen, ist kaum noch genug Öl für 50 Meilen in den Bunkern.
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