1. #31
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    ... der Weg zum Hafen war wieder einmal umsonst. Unser Kapitän teilte uns mit, dass keine Besserung vor Anfang nächster Woche in Sicht ist, und da das Schiff doch ein wenig ramponiert ist, muss es zuerst gründlich auf Seetauglichkeit geprüft werden - als neuen Termin zur Abfahrt stellt er uns den Mittwoch in Aussicht ...

    ... auf dem Rückweg macht uns meine Schwester ein paar Vorschläge, was wir in den kommenden Tagen noch alles unternehmen können .... wir müssen uns somit keine Gedanken über eventuell aufkommende Langeweile machen ...
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  2. #32
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    Ein paar Wochen sind vergangen. Die Witterungsverhältnisse sind fast unverändert, nur in den letzten Tagen ist eine leichte Besserung zu verspüren.

    Bei unseren Ausflügen in die Stadt sind die Kurzbesuche bei Kapitän Hiob mittlerweile zu längeren Kaffee-Plausch-Stunden geworden.

    Auch unser heutiger Aufenthalt dauert an, so entscheide ich mich die Damen kurz mit dem Kapitän alleine zu lassen und mache mich auf den Weg zu den Brieftauben. Wie desöfteren in der letzten Zeit senden wir eine Nachricht nach Annoport. Um genau zu sein, senden wir immer zwei - eine an Bella und eine an Lisa - in der Hoffnung, das wenigstens eine Taube die Reise übersteht.

    Als ich mich auf den Rückweg machen will, tippt mich der Taubenmeister an und hält eine alte Nachrichtenrolle in Händen. Ich sehe in verdutzt an. Und er lächelt verschämt zurück.


    Was ist das?

    frage ich ihn als ich es nehme. Und er erzählt mir die Geschichte über diese Nachricht - sie sei schon sehr viele Jahre in seinem Besitz und er verwahrte sie so gut, dass er vergaß diese zu haben ...

    Gestern ist ihm die Rolle wieder in die Hände gefallen, erläutert er mir, und es tut ihm sehr Leid. Bei diesen Worten legt er mir eine Hand auf die Schulter und lächelt mich freundlich an.

    Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verlasse ich den Taubenschlag und kehre zurück zu der geselligen Runde. Die Nachricht habe ich noch nicht gelesen, da ich ein wenig Furcht vor dessen Inhalt habe. Und so verstaue ich die kleine Papierrolle in meiner Hosentasche. Beim gemeinsamen Mittagessen lasse ich mir nicht anmerken, ebenso wenig bei der Fahrt zurück.

    Nach der Heimkehr bitte ich Synola und Suzanna mit ruhiger aber sorgenvoller Stimme an den Tisch. Beide folgen meinen Worten und sehen mich mit großen Augen an. Diese werde noch größer als ich die Nachricht auf den Tisch lege und deren Geschichte erzähle.

    Am Ende angekommen, nehme ich Synolas Hand und drücke diese fest und blicke dabei in ihre wundervollen grünen Augen und entrolle dann mit einer Hand die Nachricht. Wir stecken unsere Köpfe ein wenig zusammen, so dass wir alle diese sehen können - die Buchstaben sind zwar schon etwas verblasst, aber ich kann die Worte lesen und an der Schrift erkenne ich den Absender ... ich wende den Blick von der Nachricht zu meiner Schwester und dann zu Synola und in Beiden ist Entsetzen zu erkennen ... meine Schwester fragt


    Wer schreibt Dir denn solche Zeilen ... vor allem - vor soooo langer Zeit - und .... Shanghai - das ist ja ewig weit weg ...

    Ich lasse Synola's Hand los und gehe zum Fenster und blicke hinaus in die Schneelandschaft und sage mit ernstem Ton


    Synola weiß wer ... und sie weiß auch was ich nun tun muss ... und sofort tun werde ...

    als ich mich zu den Damen drehe sehe ich Synola nicken und wie sich ihr Haupt dabei immer tiefer senkt - als ich an Synola vorbei gehe, streichle ich mit einer Hand über ihre Schulterpartie hinweg.

    Suzanna ... ein Knecht soll nochmal die Kutsche fertig machen ... sofort bitte ... Danke ...

    Oben angekommen packe ich meinen Seesack mit den nötigsten Sachen. Zu oberst lege ich das Fernrohr und verschliesse danach den Sack. Wieder unten stehen die Damen bereits im Flur und Beiden ist große Traurigkeit ins Gesicht geschrieben. Ziehe mir nun die warmen Schuhe an und bevor ich in die Jacke schlüpfe, blicke ich auf die Taschenuhr ...

    Es ist noch nicht zu spät ... in der Stadt finde ich heute gewiß noch eine Kutsche die mich ein Stück Richtung Osten bringt - jeder Tag zählt ...

    streichle kurz Kira, umarme danach meine Schwester und dann meine Verlobte ...

    Herzblatt - du verstehst mich doch ... du musst mich verstehen, auch wenn es ein langer und gefährlich Weg sein wird, ich muss das klären ... für uns ...

    Synola nickt ... und ich blicke nochmals in ihre Smaragdaugen, die sich langsam mit Wasser füllen und lege nun beide Arme um Sie, drücke Sie fest an mich und bedecke ihre Lippen mit einem langen Kuss. Ich geniesse diesen, als wäre es der letzte - und dies ein Abschied für immer ...

    Als wir die Lippen und Umarmung lösen, gehe ich langsam zur Kutsche, lege den Seesack darauf und steige auf diese. Rufe nun den Beo, der zuerst den Kopf verdreht und sich danach in die kalten Lüfte erhebt. Bevor das Gefährt sich mit einem Ruck in Bewegung setzt, sage ich mit trauriger Stimme


    Synola, meine Liebe, Du weißt ... ich liebe Dich ... und ich bin immer bei Dir
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  3. #33
    Avatar von Synola Foren-Trockenfleisch
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    Die Tage nach Tom’s überstürzter Abreise ziehen sich endlos dahin......Suzanna ist redlich darum bemüht, Synola abzulenken und aufzuheitern, aber die will nur noch eines.....nach Hause, heim nach Annoport, dort hat sie wenigstens ihre Arbeit, die ihr diese lange Trennung etwas einfacher machen könnte.

    Nach Wochen bangen Wartens schlägt endlich das Wetter um und mildere Temperaturen sind deutlich zu spüren. Und so steht eines Morgens ein Bote vor der Türe und verkündet, dass das Schiff nun auslaufen kann, in einer Stunde soll es ablegen.

    Hastig packen die beiden Damen das restliche Gepäck in die Koffer und Suzanna beordert einige Knechte, die Koffer in die Kutsche zu schaffen.....bald darauf sind sie auf dem Weg zum Hafen und sehen Kapitän Hiob an Deck des Schiffes, der sie bereits erwartet. Ein paar Matrosen kümmern sich um das Gepäck und bringen es in die kleine Kajüte, während Suzanna und Synola sich verabschieden.

    „Sobald ich etwas von Tom höre, werde ich eine Nachricht schicken und wenn er wieder daheim ist, musst du uns besuchen meine Liebe,“ sagt Synola abschließend mit erstickter Stimme und umarmt Suzanna ein letztes Mal, bevor sie mit Kira an Deck geht.

    „Wenn du daheim angekommen bist, schicke bitte auch eine Nachricht, ich möchte doch auch wissen, dass du heil wieder daheim bist,“ antwortet Suzanna noch ungewohnt leise, während sie die Tränen wegwischt, die auch ihr über die Wangen rollen.

    Dann geht alles sehr schnell.....die Leinen werden gelöst und das Schiff setzt sich in Bewegung, nimmt langsam Fahrt auf und verlässt den Hafen.

    Lange noch steht Synola an Deck und winkt Suzanna zu.......sie erinnert sich an die freudige Erwartung, als sie hier ankamen und an die frohe Stimmung, in der sie alle gemeinsam am Hafen ihr Wiedersehen gefeiert haben. Nun aber fehlt Tom und alles ist trostlos und niemand von ihnen weiß, wann und ob er heimkehren wird......

    Erst als das Schiff die Hafenausfahrt erreicht hat und Suzanna kaum noch zu erkennen ist, beugt sich Synola zu Kira hinunter, drückt ihr Gesicht kurz in deren weiches Fell und macht sich dann auf den Weg in ihre kleine Kajüte.
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  4. #34
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    Tief im verschneiten Osten der "alten Welt" sitzt ein schwarzer Vogel auf dem Dach einer Hütte. Darin sitzt ein Mann, der mit geschlossenen Augen und in Gedanken versunken, seine Hände an dem offenen Kaminfeuer wärmt.
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  5. #35
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    Ein Mann folgt seit Tagen, einen Schlitten hinter sich herziehend, einem Sherpa über das noch verschneite tibetanische Hochland. Der freundliche Einheimische hatte sich, gegen Bezahlung, bereit erklärt, ihn und seine gefiederten Freund durch dieses Gebirge zu führen. Jeden Abend bauen sie ein Zelt auf und jede Nacht liegt der Mann lange wach. Mit geschlossen Augen, und einer Taschenuhr nahe an seinem Ohr, lauscht er deren Ticken bis er mit einem Lächeln auf den Lippen einschläft ...
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  6. #36
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    Etliche Tage, man könnte auch sagen Wochen, später erreichte der Mann samt Vogel und seinem Führer die chinesische Stadt Chengdu. Hier verlies der Sherpa das ungleiche Paar. Und auch wenn dieser Ort, durch die die Schlachten der letzten Jahre gezeichnet, nicht gerade zum verweilen einlädt, so entschliessen sich die Zwei ein paar Tage hier zu rasten um sich von den Strapazen der langen, bereits zurück gelegten, Wegstrecke zu erholen.
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  7. #37
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    Ein Mann verlässt, gut erholt durch ein paar Tage Rast die er hier verbrachte, die Stadt Chengdu. Seinen Seesack hat er über der Schulter und sein gefiederter Freund kreist über ihm. Er holt eine goldene Taschenuhr hervor blickt darauf und ein Lächeln breitet sich auf seinen Gesicht aus. Als er die Uhr wieder sicher verstaut hat, nutzt er ein Fernrohr und dreht sich ein wenig hin und her - den Bliick dabei immer grob gen Osten gerichtet. Letztlich packt er auch dieses Hilfsmittel zurück in den Seesack und deutet dem Vogel mit gestrecktem Arm an, in welche Richtung es gehen wird. Und so macht er sich auf den Weg ... weiter nach Shanghai ...
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  8. #38
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    Seit Tagen zieht der Mann, mit dem Beo nicht weit von ihm entfernt, durch die steppenartige Landschaft ... Bisher hat er, dank des Fernrohrs, immer den richtigen Weg eingeschlagen, um vor Sonnenuntergang ein Dorf oder gar eine Stadt zu erreichen ...

    Die Gastfreundschaft lies zwar desöfteren zu wünschen übrig, aber zumindest hatte er immer ein Dach über den Kopf und seine Hungergefühle waren ebenfalls gestillt als er sich zur Nachtruhe begab ...

    Und da der Mond in den letzten Tagen in voller Größe am Himmelszelt tronte, war sein Gastzimmer stets leicht erhellt. So konnte man gut erkennen, dass er immer ein glücklichen Gesichtsausdruck bekam als er die Augen schloß - so als stelle er sich etwas schönes vor, welches ihm diese Gefühlslage verlieh ...
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  9. #39
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    Nach einer gefühlten Ewigkeit scheint der Mann mit dem schwarzen Vogel bei sich, sein Ziel erreicht zu haben ... Auf einer Anhöhe stehend blickt er auf eine bekannte chinesische Hafenstadt hinab - er sinkt auf die Knie und reckt, als Zeichen des Danks, die Hände gen Himmel. Wenn man genau in seine blauen Augen blicken würde, dann würde man erkennen, dass je eine Träne aus diesen entspringt und sich über die Wange einen Weg bahnt ...

    Als er sich wieder gesammelt und augerappelt hat, nimmt er die Taschenuhr aus seiner Jacke und nach einem kurzen Blick darauf ruft er erschöpft aber mit entschlossener Stimme nach oben

    Komm Vogel ... es ist spät ... wir sind zwar nun in Shanghai angekommen, aber noch lange nicht am Ende unserer Mission ...
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  10. #40
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    Die letzten Tagen waren für den Mann sehr ernüchternd, denn auf seiner Suche in Shanghai kommt er nicht voran. Immer wenn er sich die gesuchte Frau in Erinnerung rufen wollte, damit er die Einwohner nach ihr befragen könnte, sah er nur seine große Liebe vor sich ... deren wallendes lockiges goldenes Haar, die funkelnden grünen Smaragdaugen und ihr bezauberndes Lächeln, welches die weichen Züge ihres hübschen Gesichts perfekt vollenden ...

    So sitzt er nun ein wenig niedergeschlagen in der Nähe des Hafens am Straßenrand - auf die Nachricht starrend, die ihn hierher geführt hat. Doch plötzlich hellts sich seine Miene auf ... und er erhebt sich rasch und ruft voller Tatendrang seinem gefiederten Freund zu:


    Komm Vogel .... ich habe eine Idee
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