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depthcharges
29-04-07, 10:26
Vorwort

Im August 1939, kurz vor Beginn des zweiten Weltkrieges, trafen wir uns das erste mal. Georg-Werner Fraatz wurde unser 2. Wachoffizier auf U3 , ein Schulboot der U-Boot-Schulflotille Kiel/Neustadt unter Kapitänleutnant Joachim Schepke. Ich selbst war damals in der Ausbildung zum Funker bzw. hatte mein erstes Kommando als Funker auf diesem Schulboot. Für Fraatz war es das erste Kommando nach seiner Ausbildung in der Crew 35, und er zeigte sich im täglichen Drill recht schnell als zuverlässig, kompetent und äusserst selbstbewusst. Schon damals kommunizierte er ohne jegliche Scheu, seine Stimme war in jeder Situation sicher und so laut, dass mir schnell klar wurde, er wusste immer was er sagte, und wenn er nichts zu sagen hatte, dann sprach er eben nicht. Schepke, selbst eine sehr autoritäre Person, fand in dem Neuen Fraatz einen sachlichen Widersacher, der sich jeden Befehl und jede Bemerkung ohne jegliche Regung gefallen liess. Diese ruhige und gelassene Art gefiel uns sehr, Fraatz war nach wenigen Tagen beliebt bei der Mannschaft und beim Kapitän.
Nie vergessen kann ich eine Fahrt in das westliche Skagarak. Es war kurz nach 4 Uhr am Morgen, Ende August 39. Gerade war die neue Wache aufgezogen befahl der Kapitän Alarmtauchen. Die alte Wache, teilweise noch halb angezogen, müde von der Nachtwache, stolperte durch das Boot in Richtung Bug, angeschrien von den Uffz doch schneller zu machen ("žHopp hopp hopp hopp"). Fraatz kam als letzer von der Brücke, sehr geschickt landete er im Kommandostand und machte brav seine Meldung, ohne auch nur einen Deut an Erschrockenheit oder Unruhe zu zeigen. Selbst dem Kapitän war ein wenig Adrenalin anzumerken, und die Verwunderung Schepkes über Fraatzs Gelassenheit blieb mir nicht verborgen.
Schepke befahl eine Tauchtiefe von 100 m. Während das Boot schnell tiefer ging, liess Schepke den Fraatz nicht aus den Augen. 80 m, 90 m, der Leitende meldete das Boot ausgependelt bei 100 m. Die Spanten bogen sich und der Wasserdruck machte sich durch lautes mechanisches Ächzen und Stöhnen im ganzen Boot bemerkbar, so dass es mir und meinen Kameraden etwas mulmig zu Mute wurde. Fraatz verzog keine Miene, und Schepkes Augen fingen an zu blitzen. Wie konnte dieser Frischling so ruhig sein, als lägen sie im Trockendock im Hafen ?
Schepke befahl halbe Fahrt voraus und neue Tiefe 120 m. Das Ächzen und Stönen des Bootes schien bei jedem Meter Tiefe lauter zu werden. Ich wurde zunehmend unruhiger, und ein weiterer junger Kamerad in meiner Nähe fing bereits an zu zittern for Angst. Wir schauten alle an die Decke des Bootes, als gäbe es dort was zu sehen, oder als würde es helfen, den Wasserdruck auf das Boot zu reduzieren. Fraatz jedoch lehnte ganz entspannt am Kartentisch. Der Leitende meldete das Boot bei 120 m ausgependelt mit der Bemerkung, dass nun die maximale Tauchtiefe erreicht sei. Schepke, der den Blick nicht von Fraatz wenden konnte, und nun selber unruhig zu werden schien, gab den Befehl, die Maschinen zu stoppen. Das Stöhnen und Ächzen höte nicht auf, und als ganz plötzlich zwei, drei Bolzen platzten und Wasser in das Boot eindrang, verfielen einige Kameraden in Panik. Fraatz gab ganz ruhig und deutlich Anweisungen an einige Besatzungsmitglieder in seiner Nähe, wie sie sich zu verhalten hätten. Dem einen deutete er an, hinten im Boot beim Beseitigen des Wassereinbruchs zu helfen, einem Kameraden in seiner Nähe, dem die Nerven langsam durchzugehen schienen, konnte er schnell durch ein paar Worte und Geesten beruhigen. Schepke selber blieb einfach stehen und beobachtete die Reaktionen seiner Mannschaft, besonders die Reaktionen von Fraatz. Der Leitende fragte den Kapitän nach dem Befehl zum Auftauchen, Schepke erwiederte ungehalten und knapp, er solle gefälligst die Tiefe halten. Nach langen 10 Minuten war der Wassereinbruch gestoppt. Für einen kurzen Augenblick hatte man den Eindruck, das Boot würde ruhig im Wasser liegen, bis das Ächzen und Stöhnen erneut das Blut in unseren Adern gefrieren liess. Schepke fing an, eine Standpauke zu halten, um was für Waschlappen es sich bei dieser Besatzung handeln würde, und stellte die Frage wie mit einer solchen Mannschaft ein Krieg (der damals schon sehr im Bereich des Möglichen lag) zu gewinnen wäre. Fraatz liessen auch diese Bemerkungen kalt. Als weiter hinten im Boot ein weiterer Boltzen platzte, gab Schepke den Befehl zum auftauchen. Das Manöver war beendet. An der Oberfläche angekommen fragte Fraatz ganz sachlich, ob die 2. Seewache aufziehen solle, was Schepke mit einem einzigen Abwinken mit der Hand und einem Lächeln bejahte, so als wolle er sagen: "žOk, Fraatz, ich hab dich nicht gekriegt, du bist nicht so leicht weich zu kochen wie die anderen Landeier hier, ich zieh den Hut vor dir, mach weiter so...". Fraatz bestieg den Turm zur Brücke so, als hätten sie nicht gerade vor ein paar Minuten die maximale Tauchtiefe unterschritten.
Nach dieser Wache, als Fraatz seinen Kaffee in der Kommandozentrale schlürfte bekam ich ein kurzes Gespräch zwischen Fraatz und Schepke mit, die nicht bemerkten, dass ich hinter dem Schott um die Ecke gerade meinen Kopfhöer abgenommen hatte. Fraatz sagte zum Kapitän: "žHerr Kaleun, um das Alarmtauchen zu trainieren reichen der Besatzung 100 Meter völlig aus" und beide fingen fürchterlich an zu lachen.

DerKongoOtto
29-04-07, 11:12
Super Geschichte,mehr davon.
Wäre aber im SH III Forum besser aufgehoben. http://forums.ubi.com/images/smilies/16x16_smiley-wink.gif

Longbow118
29-04-07, 12:05
wow, was für ein Auszug soll das sein? Hat mich sofort hineingezogen, ich möchte mehr davon inhalieren.

evtl. Fortsetzung?

Grü0e

W4chund
29-04-07, 12:10
Der Anfang ist nicht schlecht, lässt sich nur nicht so flüssig Lesen. Mehr Absätze wären nicht verkehrt. So ist das ganze ein "komkpakter Kasten" in dem die übersichtlichkeit fehlt.

In diesem Sinne,

weiter machen. http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_wink.gif

depthcharges
04-05-07, 18:42
Am 1.September 1939, wir waren mit U3 auf einer Trainingsfahrt in der Neustädter Bucht unterwegs, erreichte mich ein Funkspruch, Operation Fall Weiß wäre gestartet worden. Der Kapitän war zu diesem Zeitpunkt auf der Brücke und beobachtete Schiessübungen zur Flugabwehr. Fraatz war am Kartentisch beschäftigt, darum machte ich ihm zuerst die Meldung. Fraatz verzog keine Miene, mit einem ruhigen Lächeln erwiederte er: "žSo so, Hartmann, Operation Fall Weiß also ! Machen sie dem Kaleun Meldung." Danach wendete er sich wieder seinen Karten zu, so als hätte ich ihm gerade eine Wettermeldung durchgegeben. Ich war so irritiert von der Reaktion Fraatzs, dass ich einige Sekunden nur mit offenem Mund da stand, bis ich mich in Richtung Turm umdrehte, um dem Kapitän Meldung zu machen. In mir selber machte sich ein merkwürdiges Gefühl breit. Eine mögliche Besetzung Polens konnte nur der Beginn eines Krieges bedeuten. An mir ging diese Meldung nicht spurlos vorüber. Mir wurde leicht Flau im Magen, und die Beine wurden weich. Das Gefühl wechselte rasch von Beunruhigung zu erwartungsvollem Abenteuerdrang und wieder zurück und schaltete andere Gedanken einfach weg. Als ich auf die Leiter in den Turm stieg, schaute ich noch kurz zu Fraatz rüber, immer noch über den Kartentisch gebeugt, ohne jede Regung. Hatte er verstanden, was ich ihm gemeldet hatte ?
Diese Reaktion war Kennzeichnend für Fraatzs Charakter, und noch oft sollte ich Situationen erleben, in der Fraatz, unbeeidruckt von sich überstürtzenden Ereignissen im Gefecht oder von beunruhigenden Meldungen des BdU, die Fassung bewahrte in einer Art und Weise, die den Menschen in Fraatzs Umgebung teils unheimlich, teils unangemessen erschien. In Wirklichkeit waren seine gelassenen Reaktionen auf ungewöhnliche Ereignisse aber weder das eine (also unheimlich) noch das andere (also unangemessen), und auf den vielen Fahrten, die ich mit Fraatz gemacht habe (das Schiksal schien uns im Krieg aneinanderzuketten, wir fuhren bis Ende September 1942 stets auf dem selben Boot) sollte ich die Einstellung zu seinem Leben kennenlernen, eine Philosophie, die keine stärkeren Menschen hervorbringen kann, wenn sie gelebt wird, wie Fraatz es tat. Von diesen Fahrten und von Fraatz handelt dieses Buch.

MavMcLeod
05-05-07, 00:55
Super Geschichte,mehr davon.
Wäre aber im SH III Forum besser aufgehoben.

Kann mich dem nur in beiden Punkten anschließen!
Ein paar Bilder dazu wären auch nicht schlecht!

Gute Jagd!
Maverick

Voyager532
05-05-07, 04:08
Verschoben.

moselgott
07-05-07, 07:32
Hey Wasserbombe!

Meiste nich du kannst uns mal verraten wann/wie/wos weitergeht http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_wink.gif

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11-05-07, 12:00
1. Feindfahrt U-101

Am 13.1.1940 lief U-101 in der Krupp Germaniawerft in Kiel vom Stapel. Der Flottillenchef und Offiziere der 7. U-Flottile, andere hohe Offiziere, Politiker, Werftarbeiter und Schaulustige waren trotz der kalten Witterung anwesend und bestaunten das Schauspiel. Auch Fraatz fand ich etwas abseits stehend, das Geschehen beobachtend. Nach unserem Training auf U3 trennten sich im Oktober 1939 zunächst unsere Wege. Fraatz wurde Kompanieoffizier bei der U-Schule in Neustadt, bevor er als 1.Offizier zur Baubelehrung für U-101 nach Kiel berufen wurde, und ich hatte weitere Lehrgänge in der Fernmeldeschule in Flensburg zu absolvieren, bis ich den Einsatzbefehl für U-101 bekam. Nach dem Stapellauf folgte eine lange Werftliegezeit, in der sich Teile der zukünftigen Manschaft bereits bei abendlichen Gelagen in Kiels Gastronomiebetrieben kennenlernten. Ich kam in dieser Zeit ins Gespräch mit Fraatz, als wir eines Abends zufällig am Tresen nebeneinander standen. Er erzählte mir auf mein durch Alkoholeinfluss begünstigtes stetiges Drängen hin ein wenig von seiner Weltreise als Kadett auf der Emden, und dass er seinerzeit einen Krieg gegen England für ausgeschlossen hielt. Die Emden lief damals auch englische Militärhäfen in aller Welt an und der Kontakt zu englischen Marineangehöigen gestaltete sich nach Aussage Fraatzs sehr offen und positiv. Auch wurde auf Tanzveranstaltungen mit den Töchtern der englischen Offiziere getanzt und ein Krieg gegen diese Engländer erschien nicht im Bereich des Möglichen. Was mir von diesem Gespräch besonders in Erinnerung blieb, dass ich nicht das Gefühl hatte mit einem Offizier zu sprechen, sondern Fraatz gab mir das Gefühl, ein ebenbürtiger Gesprächspartner zu sein. Er erkundigte sich interessiert nach Familie und Lebenslauf, was ich ihm bereitwillig und ausführlich erzählte. Obwohl meine Ausführungen bedingt durch den übermässigen Alkoholgenuss etwas zu umfangreich ausfielen, höte Fraatz geduldig zu, und stellte die ein oder andere Frage zu Details meines Werdeganges. Ich fühlte mich sehr geschmeichelt. Hätte ich nicht gewusst mit dem 1. Offizier von U-101 zu sprechen, so hätte sich das Gefühl einstellen können, mit einem zukünftigen Kameraden und Freund zu sprechen. Im Verlauf des Abends schaute ich hin und wieder neugierig zu Fraatz hinüber, der sich mit anderen Offizieren stetig in einer angeregten Unterhaltung befand. Er trank den Abend eine Menge Bier, was aber keine Wirkung auf ihn zu haben schien. Fraatz verliess das Lokal als einer der Wenigen aufrecht gehend, und wie ich ihn schon kannte, mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht.

Am 11.3.1940 wurde das Boot endlich in den Dienst gestellt. Die Mannschaft trat morgens früh an Deck in Reih und Glied an. Wir standen aufgrund eines eifrigen Dritten zu früh an Deck. In unserer "žersten Geige" wurde uns zunehmend kälter und wir waren mehr als froh als Kommandant Kapitänleutnant Fritz Frauenheim auf der Pier erschien, begleitet vom Flottillenchef und Stabsoffizieren. Frauenheim betrat den Laufsteg zum Boot alleine, und als der Bootsmann Seite pfiff, war auch das letzte Gespräch der vielen Leute auf der Pier erstorben. Frauenheim hatte schon auf U-21 von sich reden gemacht und auf Fronteinsätzen fünf Schiffe in der Nordsee versenkt. Entsprechend groß war unser Respekt vor diesem Mann. Nur Fraatz, der bei der Begrüßung direkt neben dem Kaleun stand, schien davon nicht sonderlich beeindruckt. Frauenheim hielt eine kurze Rede, bevor er uns wegtreten ließ zum Seeklarmachen. Auf der Pier versuchten die Leute nun den besten Platz zum Gucken zu ergattern, und eine Blaskappelle fing an sich zu sortieren. Beim Auslaufen standen wir alle an Deck, es war bitterkalt. Ob mir die Kälte oder das Jubeln der Menschen auf der Pier einen kalten Schauer über den Rücken laufen liess, vermag ich heute nicht mit Sicherheit zu sagen. Ich war trotz der euphorischen Stimmung froh, als wir endlich unter Deck gehen konnten. Ich nahm meinen Platz im Funkraum ein. Im Vergleich zu meiner Ausbildungszeit auf U3 war hier jede Menge Platz. Ich hatte quasi einen Raum für mich, auf einem U-Boot ein Luxus, der nur noch dem Kaleun zu Teil wurde. Schon vor dem Auslaufen war alles vorbereitet und Aufgeräumt, und ich hatte eigentlich nichts zu tun als den Funk abzuhöen, der nicht uns galt, und auf Befehle zu warten. Das Boot nahm Fahrt auf, und das Erzittern durch die kräftigen Dieselmaschinen war überall im Boot zu spüren.

moselgott
19-05-07, 14:35
meehhhhr

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22-05-07, 14:53
Mittags waren wir bereits in der Kieler Bucht unterwegs. In der "žOffiziersmesse" wurde aufgebackt . Der Kapitän und Fraatz fanden auf der Bank ihren Platz, der Leitende sass am Kopfende des Tisches, der Zweite und der Dritte mussten im Gang auf den Klappstühlen Platznehmen. Ich musste meine Neugier schon sehr im Zaume halten, nicht ständig zur "žOffiziersmesse" hinüber zu schauen, die sich direkt neben dem offenen Funkraum befand. Und Lauschen konnte ich auch nicht, da die Geräusche im Kopfhöer normale Gespräche mitzuhöen verhinderten. So musste ein kurzer Blick hinüber ausreichen. Ich sah, wie dem Leitenden, dem Zweiten und dem Dritten vor Respekt vor dem Kapitän das Essen im Halse stecken blieb. Fraatz hingegen war gelassen und entspannt, und trotzdem zeigte seine Haltung den nötigen Respekt vor dem Kapitän, dem die Situation des ersten gemeinsamen Essens unangenehmer war als Fraatz. Als das erste Essen beendet war und die Offiziere ihre Positionen im Boot wieder einnahmen, hielt Fraatz vor meiner Bude kurz an und sagte: "žHartmann ! Freut mich, wieder mit Ihnen zu fahren !" bevor er geschickt durch das Schott in die Zentrale stieg. Ich war verdutzt und vermochte so schnell nichts zu erwiedern, war aber sehr glücklich über diese nette Begrüßung und schaute ganz plötzlich sehr viel positiver auf das, was uns in den nächsten Wochen erwarten würde.

Bis Ende März galt U-101 als Ausbildungsboot der 7.Flottille. Entsprechend gestaltete sich unser Alltag, der durch Drill und Manöver gekennzeichnet war. An erster Stelle standen Schnelltauch-Mannöver, Leckabwehr (das Abdichten fiktiver Leckagen im Rumpf mit Bordmitteln wurde trainiert) und simulierte Kampfsituationen auf Manöverstation. Zu Manövern mit anderen Schiffen und Booten kam es während dieser Zeit nicht, so daß die Motivation in der Besatzung schnell nachlies. Am 31. März ´40 erreichte uns ein Funkspruch, der das schlagartig ändern sollte. Ich gab den Funkspruch direkt an den Kapitän weiter, der diesen über die Bordsprechanlage an die Besatzung bekanntgab: "žHier spricht der Kommandant: Korvettenkapitän Rösing, Flottillenchef 7. U-Flottille, gibt bekannt, daß U-101 als Frontboot berufen ist.". Im Boot waren kurz Jubelschreie zu höen, die Erleichterung im Boot war fömlich zu spüren. Der Kommandant fuhr fort: "ž...wir werden unser Trainingsprogramm beenden und in 5 Tagen in Kiel einlaufen. Dort wird das Boot für den Kampfeinsatz vorbereitet. Ende der Durchsage". Erneut Jubelschreie aus dem Boot. Der Kapitän drückte mir das Mikrofon in die Hand und verschwand in die Kommandozentrale. Mir war irgendwie nicht zum Jubeln zu Mute, stand nun doch ein realer Fronteinsatz bevor, der uns möglicherweise das Leben kosten konnte. Zufällig schaute ich in Richtung "žOffiziersmesse", in der Fraatz auf der Bank Platz genommen hatte. Während die letzten Jubelschreie noch nachhallten erwiederte er meinen Blick, lächelte und zuckte nur kurz mit den Schultern. Mit dieser einfachen Geste signalisierte er mir, dass er meine Befürchtungen verstand und dass ich mir daraus aber nichts machen solle. Einerseit war ich dadurch schnell beruhigt bezüglich meiner plötzlich aufgekommenden Ängste vor einem Fronteinsatz, andererseits war ich so erstaunt über die Einfühlsamkeit dieses Menschen, der innerhalb von nichteinmal einer Minute erfahren hatte, dass der Fonteinsatz kurz bevor stand, meine Gefühle verstand, diese Gefühle analysierte und mich durch eine kurze, deutliche Geste wieder beruhigte, und das alles, ohne selbst irgendwie von dieser Nachricht angenehm oder unangenehm berührt worden zu sein. Ich war sehr froh und dankbar, dass Fraatz mit uns an Bord war.

moselgott
25-05-07, 14:54
http://www.ubisoft.de/smileys/3.gif http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif und nochmals: meeeeehhhhhr


wirklich absolut reale Erzählung, genau wie ein (guter) Tatsachenbericht!

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25-05-07, 16:53
Wir liefen am 29.4.´40 zur ersten Feindfahrt aus. Frauenheim wollte auf ein erneutes Theater auf der Pier wie bei Indienststellung des Bootes verzichten und bekam die Genehmigung, Nachts auszulaufen. Es handelte sich um eine reine Transportunternehmung nach Dontheim. Wir waren trotzdem voller Erwartungen und eine ungewöhnliche Spannung lag in der Luft. Die Fahrt verlief sehr ruhig, wesentlich ruhiger sogar als die Trainingsfahrten zuvor. Für mich gab es kaum etwas zu tun, nur wenige Funksprüche waren von Belang. Bis auf einige Küstenschiffe vor Dänemark gab es keinen Sichtkontakt bis kurz vor Dontheim. Dort wurde ein Zerstöerverband gesichtet, der allerdings zuvor über Funk gemeldet war. Trotz hoher Alarmbereitschaft, die ein wenig Spannung in der Besatzung hielt, verlief die Fahrt ohne besondere Vorkommnisse, und am 3. Mai´40 liefen wir bereits in Drontheim ein. Unsere Besatzung bekam ein Haus in der Kaserne zugewiesen für die zwei Nächte, direkt Landgang bekamen wir keinen und Nachtruhe wurde für 22:00 Uhr befohlen. Am nächsten Tag langweilige Routinearbeiten im Hafen, eine weitere Nacht in dem uns zugewiesenen Haus, und am 5. Mai´40 liefen wir früh morgens gegen 4:00 Uhr aus Dontheim wieder aus.
Die Rückfahrt nach Kiel verlief nicht ganz so ruhig. Wir waren gerade 1 Stunde aus dem Drontheim-Fjord in die Norwegische See heraus, als Alarmtauchen befohlen wurde. Der Kaleu ging jedoch nur auf Seerohrtiefe. Die Manöverstationen wurden eingenommen. Langsame Schleichfahrt. Ich nahm meine Position am Hydrophon ein, Rundhorchen. Zu höen war nicht viel, dazu waren wir zu dicht an der Wasseroberfläche, die Geräusche der Wellen stöten zu sehr. Der Kaleu war im Turm (im Turm war das Angriffsperiskop), Fraatz beobachtete das Geschehen durch das Beobachtungsperiskop in der Zentrale. Ein Ziel wurde zwar erfasst, die Daten aber nicht in den TDC eingegeben. "žPeilung 20, Bug links, Lage 20, Entfernung 3500 m, Geschwindigkeit 22 Knoten...". Für einen tatsächlichen Torpedoangriff war das Ziel also zu schnell, wahrscheinlich ein Zerstöer. Fraatz zog das Beobachtungsfernrohr ein und stellte sich an den Kartentisch. Ich vernahm nun langsam schnelle Schraubengeräusche und machte Meldung: "žSchnelle Schraubengeräusche, auf Peilung 20º, werden lauter. Der Kaleun befahl, auf Tiefe zu gehen, zog das Angriffsseerohr ein und kam runter in die Zentrale. "žEin Zerstöer. Er kommt direkt auf uns zu !". Der Kaleu machte aber keine Anstalten, schneller auf Tiefe gehen zu wollen. Das Boot sank nur sehr langsam, da wir auf Schleichfahrt fuhren. Ich meldete in regelmässigen Abständen den Horchkontakt, der immer lauter wurde. Nach einigen kurzen Augenblicken war das Schraubengeräusch im Boot zu höen. Das Boot hatte vielleicht gerade 25 m an Tiefe, als ein Zerstöer fast direkt über uns drüber lief. Die Kameraden in der Zentrale blickten ängstlich zur Decke des Bootes, auch der Kaleu war etwas beunruhigt, versuchte aber sich nichts anmerken zu lassen. Fraatz drehte sich um zum Kartentisch, er wollte den anderen wohl nicht unbedingt zeigen, dass er überhaupt keine Angst verspürte. Der Zerstöer hatte uns nicht bemerkt, es war reiner Zufall, dass er genau seinen Kurs in unserer Richtung hielt. "žAuf Seerohrtiefe gehen" befahl der Kaleu. Die Schraubengeräusche waren nach dem überlaufen nicht mehr zu verfolgen, da unsere E-Maschinen liefen und sich der Zerstöer im Höschatten unserer eigenen Schraubengeräusche befand. Auf Seerohrtiefe übernahm Fraatz das Beobachtungsfernrohr: "žKein Sichtkontakt". Der Zerstöer war fort. Der Kapitän befahl das Beenden der Schleichfahrt, das Aufklaren der Manöverstationen, Auftauchen und volle Fahrt voraus.
Als Fraatz an meinem Funkerraum in Richtung "žOffiziersmesse" vorbeiging, sagte er zu mir "ž...war ein Deutscher" und blinzelte mir lächelnd zu. Die Besatzung sollte davon nichts erfahren. Es war besser, ein wenig Spannung bei der Bestazung zu halten, so dass bei einem wirklichen Feindkontakt die notwendige Ernsthaftigkeit vorhanden sein würde. Ich war jedoch sehr froh, dass mich Fraatz über das Spielchen des Kaleuns aufgeklärt hatte, und Fraatz war sich, berechtigter Weise, sicher, dass ich dies niemanden weitererzählen würde.

moselgott
29-05-07, 13:19
...

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29-05-07, 15:24
Es kam auf der Rückfahrt nach Kiel zu einer weiteren Begegnung, früh am Morgen des 8. Mai´40. Ich bat später einen der drei Ausgucke mir zu erzählen, was denn oben vor sich gegangen war. Dieses machte ich mir im Verlauf des Krieges übrigens zur Gewohnheit, da ich selber im Funkraum von Geschehnissen auf der Brücke wenig bis gar nichts mitbekam. Genau andersherum war es unter Wasser. Hier war das Hydrophon das "žAuge" des Schiffes, und der Funker eben die Person, die am meisten von der Umwelt mitbekam, und oft musste ich meinen Kameraden erzählen, was ich denn genau gehöt hatte, aber dazu später mehr. Mein Kamerad berichtete, dass die Sicht nicht besonders gut gewesen war, vielleicht 3000 bis 4000 m. Aus dem Dunst tauchte plötzlich ein Frachter auf, ca. 2000-3000 BRT . Der Ausguck machte laut Meldung. Fraatz, der auf Brücke war, machte keine Anstalten, Kurs oder Geschwindigkeit zu ändern. Als der Kapitän auf der Brücke erschien, waren wir auf ca. 2500 m dran. Der Frachter war bereits als Norweger identifiziert und fuhr mit gut 10 Knoten. Frauenheim gab Befehl, die Manöverstationen zu besetzen. Die Deckkanone wurde klargemacht. Die See war leicht unruhig und für die Mannschaft an der Kanone war es eine feuchte Angelegenheit. Der Kaleu gab den Befehl, vor den Bug zu zielen. Der Schuss schlug aufgrund des Seeganges aber fehl und traf den Frachter auf dem Oberdeck, das sofort Feuer fing. Der Kaleu ging auf 800 m ran und nahm Kurs parallel zum Ziel. Die Norweger stoppten und verliessen ihr Schiff. Ich bekam den Befehl, einen Funkspruch abzugeben, dass hier norwegische Seeleute in Not waren, mit Angaben zur Position (im Verlauf des Krieges haben wir auf derartige Positionsangaben verzichtet, um uns nicht der Gefahr eines Gegenangriffs, z.B. durch feindliche Flieger, auszusetzen). Als die Norweger in ihren Rettungsbooten weit genug entfernt waren, und das Boot quer ab und mit Bug in Richtung des Frachters lag, gab der Kaleu Befehl für einen Zweierfächer. Die Spur der Torpedos soll deutlich zu erkennen gewesen sein. Im Boot herschte absolute Stille, alle in der freudigen Erwartung eines explodierenden "žAals" . Aber es kam anders. Die Torpedos detonierten nicht, Blindgänger. Der Kapitän gab den Befehl für einen weiteren Zweierfächer. Wieder dasselbe, keine Detonation. Der Kaleu liess das Boot wenden um 180º und feuerte den Hecktorpedo auf das Ziel, die Spur des Torpedos war eindeutig, aber wieder erfolgte keine Detonation. Das Boot wurde wieder gewendet, die Torpedos nachgeladen. Nach ca. 20 min waren zwei Torpedos feuerbereit, die umgehend das Rohr in Richtung Ziel verliessen. Es erfolgte wieder keine Detonation. Der Kaleu verlor die Fassung und schrie "žwas ist den mit den scheiss Dingern los, bitteschön ? Dritter auf Brücke !". Der Dritte kam auf die Brücke und versuchte zu erklären, Tiefe wäre richtig eingestellt, Torpedos wurden ordnungsgemäß gewartet und beladen etc. "žWegtreten !" brüllte der Kaleu. Mein Kamerad berichtete mir, das Fraatz ganz ruhig da stand und mit dem Fernglas ausguck ging, und auch seine Leute anhielt, weiter normal ausguck zu gehen. Fraatzs Logik zu Folge war dies das einzige, was sie in diesem Moment tun konnten. Nach weiteren 20 min waren erneut zwei Torpedos feuerbereit und wurden abgeschossen. Wieder nichts, keine Detonation. Frauenheim verlor die Nerven, fluchte herum und gab allen die Schuld, nur den Torpedos nicht. Fraatz lies das kalt. Er bat den Kapitän um Befehle. Der Kapitän wütete "žWas würden sie denn machen, Fraatz ?". Fraatz erwiederte: "žMit Verlaub, Herr Kaleun, in anbetracht der Tatsache, dass das Ziel aufgrund des Seeganges nicht mit der Bordkanone angegriffen werden kann, und unter der Annahme, dass auch weitere Torpedos einen Deffekt haben werden, bitte ich um den Befehl, das Schiff zu entern, und zu Versenken." Fraatz bekam den Befehl. Eine Entermannschaft setzte mit Fraatz im Rettungsboot über, was sich aufgrund des beachtlichen Seeganges als keine all zu leichte Unternehmung herausstellte. Auf dem Frachter angekommen suchten Fraatz und die Kammeraden nach Sprengstoff. Es gab keinen. Das Deck brannte nach wie vor allerdings erzeugte der Brand lediglich einen dicken, schwarzen Rauch, die Entermannschaft konnte sich somit nur Mittschiffs und Achtern aufhalten. Fraatz befahl, Feuer zu legen. Nach ca. 30 Minuten verliess die Entermannschaft, allen voraus Fraatz, ein lichterloh brennendes Schiff, das wohl auch in Stunden noch lichterloh brennend hier rumschwimmen würde. Zurück auf dem Boot machte Fraatz Meldung in der Zentrale und empfahl, entweder zu tauchen, oder das Gebiet zu verlassen, da nicht ausgeschlossen werden konnte, dass feindliche Schiffe der Engländer aufgrund der abgesetzten Funksprüche hier aufkreuzen könnten, und dass das Schiff ohnehin irgendwann von alleine sinken würde. Der Kaleu ging wieder auf Kurs in Richtung Heimat. Mein Kamerad berichtete mir später, dass sie die Norweger in ihren Rettungsbooten in einem Abstand von ca. 2000 m von dem brennenden Schiff sahen. Diese machten keine Anstalten, sich weiter von dem brennenden Schiff zu entfernen, da man sie hier viel leichter würde finden können. Fraatz hatte also für eine Positionsleuchte gesorgt, die bei der Rettung der in Seenot befindlichen Norweger helfen sollte.

Farmah
06-06-07, 02:04
http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif

weitermachen !

schicksiemir
07-06-07, 21:30
Hallo Kamerad,

klasse Geschichte und ich danke dir, daß ich somit fast ne Stunde meiner langweiligen Nachtschicht rumbringen konnte. Ich hoffe, es geht noch weiter.

Wie aber weiter oben schon mal erwähnt, solltest du unbedingt mehr Absätze machen, es ist wirklich schwierig, sich wieder reinzufinden, nachdem man sich mal nen Schluck Kaffee oder ne Kippe genehmigt hat

depthcharges
09-06-07, 05:27
Kaleuns,

wegen der Absätze....ihr müss einfach das Browserfenster kleiner machen (also schmaler machen, von links nach rechts oder von rechts nach links zusammenschieben. dann könnt ihr euch die Spaltenbreite beliebig wählen.....denn die Absätze kann ich aus genau demselben Grund nicht anders wählen, sorry.

Gruß, Depthcharges

depthcharges
09-06-07, 05:30
Am 10.5.´40 liefen wir gegen 12:00 Uhr in Kiel ein und machten an der Pier fest. Man schenkte uns beim Festmachen wenig Beachtung und doch war die ganze Mannschaft froh und stolz, dass wir unbeschadtet die erste Feindfahrt überstanden hatten. Für uns Kisten war diese Fahrt schon sehr Ereignisreich. Ein Dampfer wurde schwer beschädigt und an der Weiterfahrt gehindert, und ein Zerstöer (in diesem Glauben waren zumindest alle) hätte uns fast erwischt, was als Gesprächsstoff für den Landgang am Wochenende vorerst ausreichen sollte. Keiner von uns konnte sich an diesem fröhlichen Tag auch nur vorstellen, dass wir lediglich eine Spazierfahrt hinter uns gebracht hatten im Vergleich zu dem, was uns im Verlauf des Krieges noch bevor stand.
Ich wurde für dieses Wochenende als Wachmaat für die Hafenwache eingeteilt. Mit einem Gefreiten stand ich gleich nach dem Festmachen auf der Pier. Wir hatten ein kleines Wachhäuschen direkt am Laufsteg. Dieses benötigten wir jedoch nicht, da der Frühling bereits weit fortgeschritten und das Klima sehr mild war. Ich war für die "žSchweinewache" eingeteilt, musste also von 0:00 Uhr bis 4:00 Uhr und von 12:00 Uhr bis 16:00 Uhr auf der Pier stehen. Da die Hafenwache zusätzlich Dienst von 6:00 Uhr bis 22:00 Uhr hatte, würde ich wahrscheinlich weniger Schlaf bekommen als meine Kameraden, die an Land die Rückkehr von der 1. Feindfahrt feierten. Ich und mein Wachmatrose waren dem Gespött der Mannschaft ausgesetzt, die nach Aufklaren der Manöverstationen und Entlassen in das Wochenende einer nach dem anderen das Boot über den Laufsteg verliessen und mit ihren Seepäckchen alle an uns vorbeiliefen. Nicht einer von Ihnen hatte Mitleid mit uns, und fast ein jeder liess einen Spruch für uns zurück: "žViel Spass ihr Schweinchen", "žIch steck´einen für euch mit weg", "žIch trink einen für euch mit" etc. Die Offiziere verliessen als letzte das Schiff, vielleicht hatten sie eine abschliessende Besprechung. Für den Kapitän wurde Seite gepfiffen, als er den Laufsteg betrat. Ich versuchte dafür so gut es ging stramm zu stehen (was nicht so einfach war, wie es klingt, da der Boden unter meinen Füßen aufgrund der Tage auf See zu schwimmen schien) und gleichzeitig nicht zu stark oder zu schwach in meine Pfeife hineinzubasen. Ohne ein Wort zu sagen verschwand auch der Kaleu ins Wochenende, möglicherweise auch in Richtung Stab. Der Zweite und der Dritte folgten ihm direkt hinterher, danach der Leitende. In kurzem Abstand dann der 1.Offizier, Fraatz, bis auf den Rest der Hafenwache also der letzte, der das Boot verliess. Auf der Pier angekommen blieb er bei uns stehen, und sprach uns an. Er wollte wissen, ob wir es sehr bedauern würden, dass wir nun nicht mit in das Wochenende gehen könnten. Ich erwiederte, dass meine Familie ohnehin zu weit südlich wohnen würde und es sich nicht gelohnt hätte, den Kurzurlaub anzutreten. Den Matrosen zu meiner Seite sprach er mit der selben Wertschätzung an, dieser wusste aber nichts zu erwiedern, wohl aus Schüchternheit, was Fraatz mit einem Lächeln und einem aufmunterndem Klopfen auf die Schulter quittierte. Er wünschte uns ein schönes Wochenende und folgte den anderen Offizieren in Richtung Stab, die schon einige Meter weg waren.

moselgott
23-06-07, 07:10
weiter!!!!

depthcharges
30-06-07, 02:52
Eigentlich fand ich die Schweinewache schon auf U3 nie wirklich schlimm, und diese würde meine letzte sein, denn wir waren alle Kisten auf U-101, und ich ging diese Schweinewache nur, weil das los auf mich viel. Das nächstemal war jemand anderes dran. Darum versuchte ich die positiven Aspekte dieser Wache zu sehen. Es war ein herrlicher Tag im Mai, wir standen in der Nachmittagssonne auf der Pier. Alle Kameraden (bis auf den Rest der Wachmannschaft) waren von Bord. Es war ganz ruhig hier. Auch im Hafen schien der Verkehr zum Erliegen gekommen zu sein. Nur hin und wieder ein kleines Boot oder ein kleiner Kutter. Drüben am Kai lagen zwei Zerstöer im Päckchen aneinandergekettet, An einer anderen Pier einige Schnellboote und ein großer Stückgutfrachter. Ich lehnte mich an das Wachhäuschen, schloss die Augen und träumte ein wenig in der nachmittäglichen Sonne vor mich hin. Hier, wo unser Boot lag, recht weit entfernt von unserem Stab, würde keiner so schnell unbemerkt auftauchen. Es war windstill, und das einzige, was zu höen war, waren das Gekreische einiger Möven hin und wieder. Eigentlich war ich froh, dass ich nicht mit an Land gehen musste, dort wurde eh nur getrunken und gelabert mit den Kameraden. Hier hatte ich meine Ruhe. Der eingeteilte Wachunteroffizier, unser Bootsmann, war auch sehr entgegenkommend und wir mussten dieses Wochenende neben unserer Wache keinen weiteren Dienst verrichten. Wahrscheinlich habe ich mich an diesem Wochenende besser erholt als meine Kameraden, die in dem Mannschaftsquartier untergebracht waren und mit Weibern und Gesang die Zeit verstreichen liessen, während wir die Ruhe auf der Pier genossen und in den leeren Mannschaftsdecks im Boot einen ruhigen Schlaf fanden.
Am Mo war meine Wache um 4:00 Uhr vorbei. Es folgte eine kurze Liegezeit, in der wir zweimal den Liegeplatz änderten für das Bunkern neuer Aale und für die Aufnahme von Proviant, sowie für kleine Nachbesserungsarbeiten am neuen Boot. An sonsten hingen wir in unserem Mannschaftsquartier herum oder gingen an Land in die Kneipen, oder den Mädchen nachstellen. Diejenigen, die das Glück hatten in Kiel, Lübeck oder Hamburg zu wohnen, waren abends bei ihren Familien, ich beneidete diese Kameraden sehr, obwohl ich selber keine Frau hatte, sehnte ich mich doch sehr nach meiner Familie und meinen Freunden in der Heimat.
Nach elf Tagen waren wir klar zum Auslaufen.

moselgott
08-07-07, 12:45
un gas!

depthcharges
09-07-07, 12:52
Nach elf Tagen waren wir klar zum Auslaufen. Es war früh morgens bei Sonnenaufgang, die wenigsten waren schon klar im Kopf nach unserem nächtlichen Abschiedsgelage, an dem ich mich mehr als für mich gut war, beteiligt hatte. Wir standen angetreten an Oberdeck, wieder begrüsst durch den Kapitän und Fraatz an seiner Seite. Auf der Pier waren einige Mitglieder des Stabes und Schaulustige angetreten. Musik gab es aber auch heute keine, und die einzigen, die uns beim Auslaufen wirklich Aufmerksamkeit schenkten, waren die Möven in unserem Fahrwasser. Nach dem Ablegen verschwand ich in meinen Funkraum. Ich hatte große Mühe, mich wach zu halten, der Vorabend steckte mir sehr in den Knochen. Ich versuchte mich, so gut es ging, auf meine Arbeit zu konzentrieren und war froh, als meine Wache vorbei war und ich später meine Koje aufsuchen konnte. So ruhig wie diese 2. Feindfahrt an diesem Morgen des 21. Mai´40 begann, so turbulent sollte sie verlaufen, und viele meiner Kameraden, die gestern herumtönten, sich mit ihrer 1. Feindfahrt brüsteten und der Meinung waren, es gäbe nur verschiedenerlei Abenteuer zu bestehen, und man würde als Helden zurückkehren, diese Kameraden sollten schon in wenigen Tagen zum ersten Mal zu spüren bekommen, was sie in diesem Krieg zu erwarten hatten, und dass ihre Schicksale auf U-101 auf das Engste verbunden waren.

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2. Feindfahrt U-101
Gutes Wetter gibt es auf einem U-Boot eigentlich nicht. Bei ruhiger See und guter Sicht ist man der Gefahr von Fliegerangriffen ausgesetzt, im Jahre 1940 besonders in den Küstengewässern Englands, im Verlauf des Krieges auch weit draussen auf offener See. Das Boot ist aus der Luft aufgrund des Fahrwassers sehr gut zu erkennen, andersherum sind die Flieger vom Boot aus nicht immer leicht auszumachen. Ein Fliegerangriff ist die tödlichste Gefahr, der ein U-Boot ausgesetzt ist. Bis das U-Boot getaucht ist, ist es meistens schon zu spät, dem Angriff zu entgehen. Bleibt man aufgetaucht, so hat man nur die Möglichkeit, mit den begrenzten Bordmitteln (wir hatten auf U-101 eine einfache 2cm Flak ) den Fliegerangriff abzuwehern, was ungefähr so erfolgreich ist, als würde man versuchen mit einem Sturmgewehr ein gepanzertes Fahrzeug zum Anhalten zu zwingen. Bei schlechtem Wetter und hoher See ist ein U-Boot aus der Luft oder von anderen Fahrzeugen einerseits schwer auszumachen, andererseits ist ein U-Boot nur bedingt für die überwasserfahrt bei schwerer See geeignet. Die Besatzung auf der Brücke ist hohen Wellen nahezu Schutzlos ausgeliefert, und das ganze Boot schaukelt und stampft. Ein Teil der Besatzung ist bei Sturm seekrank, und im Boot riecht es nach Erbrochenem, und durch das Turmluk kommt Wasser in das Boot, wenn ein Kamerad auf Brücke geht, (oder schlimmer, eine ganze Wache aufzieht), so dass die Luft feucht und klamm ist. Seegang auf einem U-Boot, unerträglich. Alles was zwischen sehr "žgutem" und sehr schlechtem Wetter an Wettersituationen denkbar ist, beinhaltet entweder mehr die Gafahr vor Fliegerangriffen, oder mehr das Ausgesetztsein des ewigen Schwankens und Herumgestossenseins gepaart mit unerträglicher Luft. Sicher ist das Boot also nur im getauchten Zustand, und auch nur dann fühlt man sich etwas sicherer und entspannter (sofern man nicht einer WaBo -Verfolgung ausgesetzt ist), unabhängig von der jeweiligen Wetterlage, wobei die schlechte Luft im Boot gerade im getauchten Zustand unerträglich blieb.
Frauenheim machte also schon zu Beginn der 2. Feindfahrt darauf aufmerksam, das besonders auf Fliegerangriffe zu achten sei, und dass erhöhte Aufmerksamkeit der Brückenwache unabdingbar sei. Als wir am Ende des 3. Tages nödlich die Shetland Islands passierten, war die See sehr ruhig. Trotz des guten Wetters liess der Kaleu tagsüber nicht tauchen. Mittlerweile war bereits die Dämmerung angebrochen. Die Gefahr, einem Fliegerangriff zum Opfer zu fallen, wurde zumindest für diesen Tag zunehmend geringer. Plötzlich Alarmtauchen, ein Ausguck hatte zwei Flieger ausgemacht ! Teile der Mannschaft rannten an meiner Funkerbude vorbei in Richtung Bug (das Boot konnte schneller Tauchen, wenn Teile der Besatzung in den Bug liefen), begleitet durch die anfeuernden Rufe des Bootsmannes. Ich war sehr froh, dass ich als Funker nicht mit nach vorne laufen musste, denn sollte uns ein Flieger mit abgeworfenen Bomben beschädigen, so wäre ich dem Turmluk wesentlich näher als meine Kameraden, die sich dann vom Bug durch das Boot in die Zentrale durchkämpfen mussten. Wirkliche Sicherheit verspürte ich jedoch bei keinem Alarmtauchen. Die ein bis zwei Minuten, die das Boot benötigte, um eine ausreichende Tiefe zu erreichen, waren kaum zu ertragen, jede Sekunde konnte uns eine Bombe treffen. "žAuf 50 m Tiefe gehen", befahl der Kaleu. Wir hatten Glück. Vielleicht hatte der Flieger uns nicht gesehen, vielleicht kam er nicht nah genug heran um zu sehen, an welcher Stelle genau wir getaucht waren. Das Boot lief mit voller Kraft einige Minuten im getauchten Zustand, bis der Kaleu kleine Fahrt gehen liess. "žTiefe halten !". Ich wurde ans Hydrophon beordert, Fraatz selbst gab mir den Befehl, im Vorausbereich zu horchen, bis der Kaleu auf Seerohrtiefe gehen lassen würde. Wir fuhren ca. eine Stunde getaucht. Selbst wenn der Flieger uns gesehen hatte, so wüsste er spätestens jetzt nicht mehr so genau, wo wir denn abgeblieben waren. Trotzdem, wenn er uns gesehen hatte, so wussten die Engländer, dass hier ein U-Boot herumfuhr, und sicherlich würden alle in der Nähe befindlichen Fahrzeuge und Flugzeuge nach uns Ausschau halten.

Torpedotreffer
24-08-07, 14:33
"žAuf Seerohrtiefe gehen". Der Kaleu wollte zunächst einen Rundblick wagen, bevor er auftauchen liess. Er liess sich durch Fraatz bestätigen, dass kein Sichtkontakt da war. Obwohl es schon fast dunkel sein musste, liess Frauenheim wieder auf 50 m gehen und die Maschine stoppen. Mir wurde Rundhorchen befohlen. Wir lagen eine weitere Stunde hier herum, zwischenzeitlich hatte ich dann einmal das Gefühl, etwas zu höen, aber so leise, dass ich mir auf keinen Fall sicher sein konnte (man höte so einiges, wenn man sich lange auf das gleichmässige Rauschen im Hydrophon konzentrieren musste); hätte ich dieses Geräusch direkt vor dem Auftauchen wahrgenommen, hätte ich sicherlich trotzdem Meldung gemacht. Da wir aber erst 30 min später auftauchen sollten, behielt ich die Meldung für mich. Vor dem Auftauchen liess der Kaleu erneut kurz auf Seerohrtiefe gehen um sicherzugehen, dass kein feindliches Fahrzeug in der Nähe war. Dann tauchten wir endlich wieder auf.
Nach dem Auftauchen wurde man sich der Anspannung, die ein reales Alarmtauchen auslöste, bewusst. Das Auftauchen empfand ich jedesmal als Erlösung, wenn wir aufgrund einer Gefahrensituation oder aufgrund eines eigenen Angriffes getaucht waren. Die Erleichterung, die ich auch diesesmal empfand, machte sich bei mir dadurch bemerkbar, dass meine linke Hand sich entspannte, und sich in meiner Handinnenfläche Abdrücke meiner Fingernägel wiederfanden. Die Kameraden, die an meiner Bude vorbeiliefen, um ihre Stationen einzunehmen, sahen auch sehr erleichtert aus, obwohl der Schrecken, den dieses Alarmtauchen ausgelöst hatte, in ihren Gesichtern abzulesen war. Jedoch kam der Fliegerangriff gerade recht, unsere Sinne waren wieder geschärft, die Ausgucke würden die nächsten Tage besonders aufmerksam die Umgebung beobachten, da war ich mir sicher.
Die nächsten Tage verliefen wesentlich ruhiger, nach und nach stellte sich eine gewisse Routine ein. Wir fuhren in einiger Entfernung um England herum, und trotz der ruhigen See blieben wir am Tage aufgetaucht, was mich irgendwie beunruhigte. Als Fraatz einmal in meiner Nähe war, wollte ich es etwas genauer wissen: "žHerr Oberleutnant, ich bitte um eine kurze Frage !". "žNur zu, Hartmann", erwiederte Fraatz, "žWo drückt der Schuh ?". Ich versuchte mich so kurz wie möglich zu fassen, ich wusste (bzw. ich glaubte zu wissen), die Offiziere hatten wichtigeres zu tun, als mit ihrem Funkmaaten zu plaudern: "žHerr Oberleutnant, vor einigen Tagen wurden wir von einem Flieger angegriffen. Trotzdem fahren wir am Tage aufgetaucht. Warum setzen wir uns dieser Gefahr aus ?" Fraatz stützte sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, den rechten Ellenbogen gestützt auf den linken Arm, kräuselte kurz die Stirn und erwiederte freundlich, mit festem Blick mir in die Augen lächelnd: "žAus militärischer Sicht betrachtet erreichen wir über Wasser schneller unser Einsatzgebiet; desweiteren können wir bei dem guten Wetter weiter gucken, als wir unter Wasser höen könnten; feindliche Fahrzeuge, die sich bereits hinter dem Horizont durch Rauchsäulen ihrer Maschinen zu erkennen geben, bleiben uns so nicht verborgen."
"žVielen Dank Herr Oberleutnant, ich frage nur deswegen, weil..."
"žSie brauchen sich nicht zu erklären, Hartmann ! Ist ok. Sehen sie es einfach so: wenn Gott will dass wir diese Fahrt nicht in Kiel beenden, sondern auf dem Meeresgrund vor Englands Küsten, dann wird es passieren, ob wir nun tauchen oder nicht. Versuchen sie, nicht darüber nachzudenken. Haben wir einen neuen Wetterbericht ?"
Ich gab Fraatz die Wettermeldung durch. Er verschwand durch das Schott in die Zentrale. Nicht darüber nachzudenken, ob diese Feindfahrt für mich tödlich verlaufen würde, fand ich nicht gerade leicht. Alleine die Entfernung zur Heimat empfand ich als beunruhigend, und ich fühlte mich hier im Atlantik einer permanenten Bedrohung durch den Feind ausgesetzt. Auch lag im Boot eine bedrückende Stimmung. Die anfängliche Euphorie und Abenteuerlust wurde durch den Alltag an Bord erstickt, und der Schrecken, ausgelösst durch den Fliegerangriff beunruhigte auch meine Kameraden. Nicht darüber nachzudenken, was einem alles passsieren konnte, war für mich und für viele meiner Kameraden nicht möglich.