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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Kriegstagebuch (in echt)



DarkMephisto
24-06-05, 12:29
Wie der Titel schon sagt... aber vorneweg ein paar Worte:

Das Tagebuch, welches mir vorliegt, ist unvollständig, viele Original Seiten gingen während den Kriegsjahren verloren.
Ich rekonstruiere es gerade mit meinem Vater, welcher aber viele Erlebnisse nicht mehr weiss, daher kann es einige Zeit dauern bis es komplett ist. (was sehr wahrscheinlich nie geschehen wird)

Mein Vater, geboren 1924 in Kochendorf (bei Heilbronn), ging 1942 zur Kriegsmarine, und diente als Steuermann / Navigator auf einem Minentransporter und diversen anderen Kriegsschiffen.

Der erste Abschnitt des Tagebuchs, ist nach dem Untergang des Minentransporters.

Leider kann ich mit keinem U-Boot Tagebuch dienen und viele Daten sind undeutig, oder schlichtweg nicht mehr im Gedächtnis, nur das Erlebte ist wahr.



August 44. Der Rest unserer Mannschaft, 58 Männer von 240, ist in der Villa "žMoltke" in Helsingö einquartiert.
Nach all den vergangenen Wochen im Kriegseinsatz ist es der Himmel auf Erden. Wir sind sozusagen zur Erholung hier und haben sie nötig. 50 Meter hinter dem Speisesaalausgang, über herrlich gepflegten Rasen, ist das Meer. Der Milchmann, der Bäcker und der Metzger, alle kommen mit ihren Lieferwagen. Baden, essen trinken, - unbeschwert leben ohne Angst vor Bomben und Granaten. Wenn die Stadt nicht verdunkelt wäre und man auf der anderen Seite des Sund nicht als krassen Gegensatz die Lichter von Hälsingborg in Schweden sehen würde, könnte es Frieden sein. Frieden nach fünf Jahren Krieg! Wie sehnen wir uns nach Frieden.. Die meisten von denen, die der Sehnsucht nicht widerstehen können und versuchen, mit Booten nach Schweden zu kommen, müssen diese Sehnsucht mit dem Leben bezahlen.

Ein Unteroffizier stellt die Treue seiner dänischen Freundin zur Diskussion. Natürlich bezweifeln wir sie alle, und wir bringen ihn so weit, dass er eine Wette eingeht: Eine Kiste dänisches Bier gegen den getragenen Schlüpfer seiner Freundin. Mich trifft das Los, die Sache zu übernehmen. Es ist einfacher als ich dachte, mit ihr ein Treffen zu verabreden und ich glaube an ein leichtes Spiel. Den ganzen Abend sind wir zusammen, ohne meinem Ziel auch nur einen Schritt näher zu kommen; tanzen und flirten, ja. Ich gebe mich geschlagen. Beim Abschied gibt sie mir ihren seidenen Schlüpfer. Ein andrer von uns hatte ihr alles hinterbracht. Der Unteroffizier hat ausser der Wette auch seine Freundin verloren.
Mir ist hundeelend zu Mute. In den Armen meiner Mona Lisa erholt sich mein angeschlagenes Selbstbewusstsein.

DarkMephisto
24-06-05, 12:32
Datum unbekannt (cirka September bis Oktober 44)

Sonderburg – Schloss.
Hier ist der Führer der Minenschiffe untergebracht, Stab, Nachrichtenabteilung, usw.
Dienst von morgens 9.00. 12.00 Mittag. Es bleibt noch viel Zeit zum Leben. Die Marinehelferinnen sind nicht abgeneigt, es mit uns zu teilen. Unser Quartier ist die beschlagnahmte Freimaurerloge von Sonderburg. Wir schlafen unter dem Sternenhim-mel im Versammlungssaal. Fast haben wir den Krieg vergessen.
Ein junger Leutnant vom Stab führt uns in sogenannte bessere Kreise ein. Wir sind zu viert. Es ist eine alleinstehende Frau und sie hat den Kissentick. Ein Salon im Erker der Villa besitzt keine andere Sitzgelegenheiten als einen herrlich weichen Teppich belegt mit Kissen, wie sie bei Muttern auf dem Sofa lagen. –sie erzählt, diese Art zu wohnen habe sie aus dem Orient mitgebracht. Warum sollen wir uns grosse Gedanken darüber machen, ob sie überhaupt schon einmal im Orient war? Das Essen und Trinken ist gut, ehrlich und wahrhaftig: - was man von der "žLiebe" der anwesenden Damen nicht unbedingt sagen kann. Sobald die Gelegenheit günstig erscheint, halte ich mich an das Dienstmädchen. Dieses ist nicht so erfahren, aber ehrlicher und jünger. Wie mich zur vorgerückten Stunde die Dame des Hauses bei ihrem Hausgeist im Bett erwischt, muss ich mich auch noch bei ihr für die Gastfreundschaft revanchieren. Der sprichwötliche fade Geschmack im Munde bleibt am Morgen sogar aus. Von Madam werde ich mit dem Versprechen verabschiedet, mich in Zukunft nur ihr zu widmen. Das tue ich auch, solange ich es aushalten kann, nachts mit dem Wecker zur Liebe gerufen zu werden.

DarkMephisto
24-06-05, 12:33
Januar 45. – Bahnfahrt nach Stettin. Ein norwegisches Fährschiff wird für uns zum Kriegsschiff umgebaut. – Das letzte Aufgebot!
Im Zug schreibe ich noch eine Karte nach Hause. Wir sind wieder in Deutschland. Der Tieffliegerangriff kommt überraschend. Durch alle Öffnungen der Wagen verlassen wir den Zug. Wie ich rausgekommen bin, weiss ich nicht mehr. In einem Wassergraben, der unter dem Bahndamm durchführt, finde ich mich wieder. Wie deprimierend, wenn man sich nicht wehren kann! Nach dem vierten Anflug ist unsere Lokomotive nur noch ein dampfendes Sieb.
Einer jungen Frau hat eine Bordkanonengranate das Bein über dem Knie weggerissen. Es ist die schlimmste Verletzung ausser den Toten. Nach vier Stunden ist die Ersatzlokomotive da und die Nacht.

DarkMephisto
26-06-05, 01:39
Stettin. – Wenn Ostwind weht, höt man das grollen der Front, die langsam und stetig auf uns zukommt. Hinter einem grossen Getreidesilo gegen den Artilleriebeschuss der Russen gedeckt, wird fieberhaft an unserer Kriegsmaschine gearbeitet. Das Fährschiff, das im Frieden glückliche, fröhliche Menschen durch die norwegischen Fjorde befödert hat, verliert langsam sein altes, friedliches Gesicht. Artillerieleitstand, Wasserbombenwerfer, Raketenwerfer werden montiert. Schweissen, Hämmern, ein emsiges Treiben wie bei den Ameisen erfüllt das Schiff. Ich wünsche mir, dass es nicht fertig wird.
Abends und nachts machen wir Patrouillenfahrten mit umgebauten Feuerlöschbooten auf der Oder und im Stettiner Haff. Die Bewegungen der Russen, die jetzt am Ostuferangekommen sind, müssen überwacht und kontrolliert werden. Der Russe ist nicht mehr aufzuhalten.

Ende März 45. – Unser Schiff ist noch nicht fertig. Wir müssen Stettin verlassen. Jedes auslaufende Schiff nimmt fliehende Zivilisten mit, soviel wie möglich. Aus den Büros der Werft werden Holzmöbel, Stühle, Schreibtische und Schränke an Steuerbord, die der Front zugekehrte Seite, geladen, um bei Artilleriebeschuss eine Däm-mung und somit einen Schutz für die auf Backbord mitgebrachten Flüchtlinge zu erreichen. Die Panzerung über der Wasserlinie fehlte noch.
In den frühen Morgenstunden schleichen wir aus dem Hafen, es ist noch Nacht. Einige Meilen ausserhalb von Stettin brennt eine Raffinerie. Unser Schiff muss für den Russen als dunkle Silhouette gegen den Feuerschein sichtbar sein. Nur wenige 100 Meter trennen uns vom östlichen Ufer. Nach den ersten Treffern der russischen Artillerie hatten wir alle Hände voll zu tun, die in Panik geratenen Menschen, zur Hauptsache Frauen und Kinder, unter Deck zu halten. Die 8,8 cm Kanonen sind nur mit Drahtseilen verankert und fliegen nach einigen Abschüssen rückwärts durch die Reling ins Stettiner Haff, unser Heil liegt in der Flucht. Mit äusserster Kraft der Maschinen, was sonst streng verboten war, fahren wir nach Swinemünde. Die Nacht vorher wurde die Stadt von den Amerikanern bombardiert. Unsere Toten kommen ins gleiche Massengrab. Wo werden wohl die Plünderer beerdigt, die an Strassenlaternen und Parkbäumen aufgehängt sind? Die Bordells und Bars sind offen, der Alkohol betäubt das Gewissen und die Liebe verdrängt die Angst. Wir haben Urlaub bis zum Wecken.
Am Morgen bringen sie noch mehr Flüchtlinge, überlebende der "žGustloff", die von russischen U-Booten versenkt wurde. Ich treffe ein 16 jähriges Mädchen, das seine ganze Verwandtschaft verloren hat. Sie ist nicht ansprechbar, ein Köper ohne Seele?

DarkMephisto
26-06-05, 01:42
Wir müssen den Hafen verlassen nach Lübeck. Man kann sich kaum bewegen, ich hätte nie geglaubt, dass auf diesem Schiff für so viele Menschen Platz ist. Welch ein herrliches, gefundenes Fressen für die russischen U-Boote, diese heulende, betende und wohl auch fluchende Masse!
Unbehelligt kommen wie nach Lübeck, in eine freie Stadt, vom "žRoten Kreuz" ausgehandelt, nachdem sowieso nichts mehr zu zerbomben war. Kriegsschiffe dürfen in den Hafen von Lübeck nur, um Flüchtlinge auszuladen. Wir müssen zurück nach Schlutup, ein kleiner Fischerhafen an der äusseren Trave. Dort machten wir an der Mole einer Sägerei und Zimmerei fest. Ein grosser Teil von uns ist der gleichen, jetzt fast unverhüllten Ansicht: Das ist der Anfang vom Ende!
Wir warten auf unseren Abtransport in den Grossraum Berlin, um als Infanterieeinsatz gegen die Russen eingesetzt zu werden. Die Zeit, die wir noch hier sind, ist ein Geschenk und wir leben dementsprechend. Es ist nicht die Angst vor dem Tod. Kein Vogel weiss, wann ihn die Katze tötet, und doch singt er jeden Zag. Meine Freizeit verbringe ich bei der Lehrersfamilie von Schlutup und mit deren einziger Tochter. Es tut gut, unter kultivierten Menschen zu sein, wie in einer Oase des Friedens. Manchmal will es mir unwirklich scheinen, wie sich diese Atmosphäre über fünf Jahre Krieg erhalten konnte. Die Liebe der Lehrertochter ist so rein und gross, ich kann sie nicht enttäuschen. Wie ich es fertig bringe? Ich weiss es nicht. Vielleicht bin ich schizophren? Aber wer ist es nicht in dieser Zeit, in der die Moral vom Schmutz des Krieges zugedeckt wird? Wer ist es nicht in dieser Zeit, in der Liebe und Tod, Moral und animalische Instinkte, Humanität und Unmenschlichkeit so nahe beisammen zu finden sind?

Mit Lastwagen werden wir nach Preetz gebracht. Die blauen und weissen Uniformen tauschen wir gegen feldgraue Marineinfanterieklamotten, Gewehre fassen! Gewehre vom ganzen europäischen Kriegsschauplatz, Beutewaffen, dazu Kisten mit Munition. Jeder sucht sich die aus, die zu seinem Gewehr passen, - es versucht es wenigstes.

Zurück zum Schiff! Es ist der 27. 4. 1945. Wir müssen die Flutventile öffnen. Doch zuerst kann man seine Habseligkeiten von Bord bringen. Abschied bei Lehrers. Einen grossen Koffer mit meiner Heimadresse lasse ich zurück. Wenn ich mich nicht mehr melden sollte, schicken sie ihn dorthin.
Alle 2 cm Örlikon – Schnellfeuerkanonen werden demontiert. In der Zimmerei neben-an bekommen wir behelfsmässige Lafetten aus Holz. Irgendein Witzbold von Zimmermann bringt noch Holzscheibenräder an, damit wir sie hinter uns herziehen können.

DarkMephisto
26-06-05, 07:31
(weiss nicht mal obs überhaupt jemanden interessiert, aber das hier ist sowieso der vorläufig letzte Post zu dem Thema)


Am 29. 4. 1945 ist es soweit: Man verlädt uns und unser Waffenarsenal auf Lastwa-gen, und es geht Richtung Osten. – Berlin! – Endlich hält die Kolonne einmal wieder an; auf dem ratternden und schüttelnden Lastwagen ist das Skat Spielen schwierig. Nun bleiben die Karten einmal auf dem Platz, auf den man sie hingelegt hat.
In Sekunden ist der Jägerangriff vorüber. Zu wenig sind wir für diese Art des Krieges geschult. Nur unser Fahrer und sein Beifahrer haben den LKW verlassen und sich in Sicherheit gebracht. Der Lastwagen ist noch fahrtüchtig. Am nahen Waldrand ist der Boden weich und es macht keine grosse Mühe, die Gräber für unsere Gefallenen auszuheben. Die Verwundeten können wir in Ludwigslust im Lazarett abliefern.
Das erste Mal auf dieser Fahrt macht der Alkohol seine Runde.
Im Grossraum Berlin beziehen wir eine Stellung in einem Bahnhofgebäude, das heisst, in dem, was nach tagelangem Artilleriebeschuss noch übrig ist. Hinter dem Bahnhof fliesst ein Spreekanal. Die noch intakte Brücke ist zur Sprengung vorbereitet. Vorerst wird sie allerdings noch für den Rückzug der deutschen Einheiten benützt. Die Pioniere mit ihrem Zündapparat sind die einzigen erfahrenen Infanteriesoldaten neben uns Marinern. Am Kanalufer bringen wir unsere 2 cm Kanonen mit ihren behelfsmässigen Lafetten in Stellung. Es ist der helle Wahnsinn, damit die Russen aufhalten zu wollen. Die einzige wirksame Waffe gegen ihre Panzer ist die Panzerfaust. Die Holzlafetten der Kanonen brechen auseinander, bevor ein ganzes Magazin leergeschossen ist. In dem Moment, da sich ein russischer T34 auf der Brücke befindet, lässt sie der Pionier in die Luft fliegen. Wir sind der übermacht der kampferprobten russischen Infanterie nicht gewachsen und müssen uns zurückziehen. – überall sind Russen, wir sind eingekesselt, es bleibt uns noch die Gefangenschaft.
Wenn auch der russische Lastwagen auf dem löcherigen, holprigen Waldweg noch so sehr hin- und herschaukelt, umfallen kann keiner von uns, so dicht gedrängt stehen wir. Sogar Verwundete, die ohnmächtig geworden sind, können nicht auf den Boden fallen.
Dazu schlagen uns die nieder hängenden Tannäste über die Köpfe. Wenn man sich an diesen festhalten könnte? – Noch zwei wagen es! –Ich habe das Gefühl, es reisse mir die Arme aus den Gelenken. Bis der russische Wachsoldat seine Maschinenpistole hochbringt, sind wir schon seitwärts im Wald. Laufen, laufen, - dass ein Mensch das aushält! Die Lunge schmerzt. Wir bemerken gar nicht sofort, dass sie die Verfolgung aufgegeben haben. Keiner von uns dreien weiss, wo wir sind. In der Nähe einer schmalen Strasse legen wir uns auf die Lauer. Es sind russische Einheiten, die vorüberrollen. Dann ist es längere Zeit ruhig. Plötzlich höen wir wieder ein Fahrzeug, eine Zugmaschine der deutschen Wehrmacht. Nur der Fahrer sitzt hinter dem Lenkrad. Für ihn scheint es ganz natürlich zu sein, dass wir da sind. Aufsitzen und weiterfahren! Dass wir eingekesselt sind, hat er noch gar nicht mitgekriegt. Der Mensch muss unverschämtes Glück haben!
Wir vertrauen uns ihm und seinem Glück an, und nach einigem Hin und Her sind wir tatsächlich aus dem Kessel raus und fahren Richtung Westen, eingekeilt in unendlich erscheinende Flüchtlingstrecks.
Die russischen Panzerspitzen sind fünf bis zehn Kilometer hinter uns, die amerikanischen Jabos über uns. Doch in der Zwischenzeit haben wir gelernt, so schnell wie möglich Deckung zu finden. Bis Ludwigslust geht alles gut. Dort werden wir vier von der SS – Feldgendarmerie geschnappt. Der SS – Offizier will uns standrechtlich erschiessen lassen. Ohne Waffen auf der Flucht: Desertation! Plötzlich hat aber ein Obergefreiter aus seiner Mannschaft eine Pistole in der Hand und zwingt den Offizier zur Herausgabe der Waffen. Sofort hat er auch die anderen auf seiner Seite. Immerhin ist heute der 2. Mai 45. Hitler lebt nicht mehr. Der Krieg ist für uns zu Ende. Wir müssen nur noch sehen, dass uns der Russe nicht erwischt, und dass wir noch lebend über die letzten Runden kommen.

BigDuke6666
26-06-05, 11:45
Interessant!
Natürlich nicht das übliche Boots KTB was wohl jeder erwartet hat, aber trotzdem interessant.

DarkMephisto
26-06-05, 13:03
ja ich weiss, hab leider keinen U-Boot Fahrer in der Familie *g*, dachte trotzdem, dass es einige gibt, die es trotzdem interessiert.

BigDuke6666
26-06-05, 15:05
Sind das nur Auszüge oder ist das schon das ganze Tagebuch?

Edgtho66
26-06-05, 16:13
Originally posted by DarkMephisto:
(weiss nicht mal obs überhaupt jemanden interessiert, aber das hier ist sowieso der vorläufig letzte Post zu dem Thema)


Hmmm also ich fand´s auch interessant. Wenn du noch mehr davon hast, immer her damit! http://www.ubisoft.de/smileys/read.gif

Gruß
Edi

catthunder
26-06-05, 20:27
Hi,

super Arbeit!!!!

cu
cat

Fischii
27-06-05, 00:40
Das ist wirklich sehr gut zu lesen.

Hut ab vor dir und deinen Vater die es versuchen es wieder zu rekonstruieren.

Vielen dank von unsere Community für die tolle arbeit!

thibaud1982
27-06-05, 01:19
Irgendwie beklemment
Bei der ganzen spielerei vergisst man schnell das es leider mal grausame realität war.

Danke für den post

DarkMephisto
27-06-05, 01:40
Originally posted by BigDuke6666:
Sind das nur Auszüge oder ist das schon das ganze Tagebuch?

Das ganze Tagebuch würde etwa Mitte '42 anfangen, die Aufzeichnungen bis Mai/Juni '44 liegen auf dem Grund des Meeres im finnischen Meerbusen.
Was hier vorliegt ist das, was in einem kleinen, mit Handschrift geschriebenen Büchlein steht, ergänzt durch Gedanken. Der Rest was ich bis jetzt zusammenhabe, handelt noch von der Gefangenschaft. Aber wenn es gewünscht wird poste ich es gerne. Viel ists leider nimma.

Schellhorn, Steuermannsschule 1942 (http://www.tiscalinet.ch/hhaeuptli/Steuermannsschule1942.jpg)

DerZombie
27-06-05, 03:54
Immer her damit!!!

Ist sehr interessant finde ich und auch wie oben schon erwähnt, sehr beklemmend.

DarkMephisto
27-06-05, 04:59
Im nahen Pferdelazarett treiben wir frei herumlaufende Pferde auf. Das erste Mal in meinem Leben sitze ich auf dem Rücken eines Pferdes. Von dem Glück, das hier oben liegen soll, merke ich allerdings nichts. Nach drei Stunden Ritt abseits der Strasse, um den Flüchtlingsstrom zu umgehen, sehen wir die ersten Amerikaner. Wir müssen die Pferde zurücklassen. Im Grunde bin ich froh, aus dem Sattel zu kommen. Ich habe das Gefühl, meine hintere Seite sehe aus wie ein rohes Schnitzel.
Wir gehen im Wald. Es ist ein herrlicher Frühlingstag. Sonne, die Vögel singen. Von den Amerikanern haben wir zu Essen, Zigaretten und Schokolade bekommen. Niemals werde ich wirklich ausdrücken können, wie es mir zu Mute ist, dass ich diesen Krieg lebend überstanden habe. Ich frage mich auch: Warum hängt der Mensch eigentlich so an diesem Leben? Was war es bis jetzt für mich? Mit 17 wurde ich Soldat, heute bin ich 20. Sicher lebte ich bewusster als in normalen Zeiten. Wo ist die Erfüllung des Lebens? Im Kampf ums Dasein, in der Liebe oder im Tod? Vielleicht ist auch alles zusammen das Leben! Manchmal wünsche ich mir, schlafen zu können, aufzuwachen und zu wissen, dass alles Geschehen in den vergangenen drei Jahren nur ein böser Traum war.
Wir müssen weiter. Es sind jetzt zwölf. Eine Nachrichtenabteilung hat ihre Fahrzeuge an ihrem letzten Einsatzort zurückgelassen. Einen Lastwagen können wir noch in Gang bringen, und mit diesem setzen wir unseren Rückzug nach Westen fort. Auf dem Weg querfeldein zur Hauptstrasse werden wir noch von einer amerikanischen Patrouille angehalten und kontrolliert. Zwei von uns werfen eine Kiste vom Wagen. Sie zerplatzt, und zum Vorschein kommen Werkzeug, Farbtöpfe, usw. Wir dürfen weiterfahren. Let's go!
Nach einer Weile halten wir und untersuchen die restlichen Kisten. Sie sind angefüllt mit Munition, Gewehren und Panzerfäusten! Sorgfältig laden wir alles ab und verstecken es im Strassengraben und Gebüsch. Erleichtert in jeder Beziehung fahren wir weiter.
Bevor wir die Hauptstrasse erreichen, ist es Nacht. Jeder versucht zu schlafen, - es geht nicht. Die Ereignisse des Tages halten uns wach. Noch andere Fahr-zeuge haben sich hier angesammelt. Wir feiern unsere Wiedergeburt mit Sekt aus Heeresbeständen. Eine Rotkreuzabteilung ist auch da, mit Krankenschwestern! – Was ist das, das Mann und Frau in solchen Situationen zusammentreibt? Liebe? – Dazu braucht es sicher mehr. – Ist es der Selbsterhaltungstrieb der Gattung?

DarkMephisto
27-06-05, 05:02
3. Mai 45: Wir sind mit unserem Lastwagen auf der Hauptstrasse Richtung Westen, eingekeilt in einen kilometerlangen Flüchtlingsstrom. Das Ziel ist Lauenburg an der Elbe. Für die 30 oder 40 Kilometer sind wir den ganzen Tag unterwegs. Gegen Abend haben wir die Elbe erreicht. Vor der Behelfsbrücke über den Fluss müssen alle Fahrzeuge zurückgelassen werden. Man lässt sie links und rechts der Strasse den Abhang hinunterrollen. Ein unbeschreibliches Bild, die Reste einer geschlagenen Armee! Alles was noch zu finden ist an Lebensmitteln nehmen wir mit auf die westliche Seite der Elbe. Engländer haben hier ein Auffanglager eingerichtet, auf dem freien Feld. Schätzungsweise 480'000 deutsche Soldaten aller Waffengattungen. Tag und Nacht fahren englische Panzerwagen um das Lager.

Heute ist der 8. Mai, Siegesfeier der Alliierten. Zum essen bekommen wir nichts, das einzige sind grosse Zisternenwagen mit Wasser, die in den sich gebildeten Lagergassen stehen.

Es regnet schon drei Tage, das Feld hat sich in ein riesiges Schlammfeld verwandelt. Jeden Tag werden Hunderte Tote hinausgetragen an den Rand des Lagers. Man hat dort mit Militärbaggern grosse Gruben ausgehoben. über jede Schicht Leichen wird Chlorkalk geworfen. Eine Registrierung der Verstorbenen gibt es nicht. Die Namen wissen nur die Kameraden, die ihnen nahe waren, und sie sind die einzigen, die Nachricht in die Heimat bringen können, wenn sie dieser Hölle entrinnen.
Der englische Kommandant gibt uns die Erlaubnis, in einer teilweise zerstöten Zündholfabrik, die ganz in der Nähe des Lagers steht, Bretter, Steine und Balken zu holen. Aus allem möglichen Material werden Notunterkünfte gebaut, die meisten unter der Erde. Unsere eisernen Rationen sind aufgebraucht. Wir hungern.

Mai 45: Heute Morgen werden alle Marineangehöigen mit Lautsprechern aufgefordert, herauszutreten. Es sind einige hundert. Mit Militärlastwagen transportiert man uns ab. Keiner weiss, wohin! Werden wir entlassen?

DarkMephisto
27-06-05, 10:49
Wir sind in einem früheren Konzentrationslager in Bergedorf bei Hamburg (Altengamme). Hunger. Wir sollen am eigenen Leib erfahren, wie der Staat, für den wir ge-kämpft haben, die Menschen behandelt hat. Das sagt uns ein englischer Offizier in bestem Deutsch. Wir leben von dem Grünzeug, das in der KZ – Gärtnerei wächst, auch von Gras. Man stirbt, durch den Draht getrennt von der deutschen Bevölkerung, die das Wenige, das sie hat, mit uns teilen würde. Aber die Wachposten verhindern, dass irgendwelche Lebensmittel ins Lager kommen.

Pfingsten 45: Die Glocken läuten. Wir verlassen das KZ und werden zum Bahnhof gebracht. Wieder wissen wir nicht, wo unser Ziel liegt. Jeder sehnt sich nach Hause, warum lassen sie uns nicht einfach laufen?
In Albersdorf werden wir ausgeladen. Es geht zu Fuss weiter, aufgeteilt in kleinere Gruppen zu 50 – 100 Mann. Wir können unterwegs auf einem Bauernhof etwas essen. Hinten im Garten wird ein grosser Kessel mit Haferflockenbrei gekocht. Ich kann nicht daran glauben, dass mir in meinem Leben noch einmal etwas so gut schmecken wird wie diese erste warme Mahlzeit seit Wochen. In Süderhastedt werden wir bei einem Bauern in der Scheune einquartiert, ca. 50 – 60 Mann.

Schleswig – Holstein: Ein riesiges Gefangenenlager. Es reicht nödlich des Kaiser Wilhelm – Kanals bis zur dänischen Grenze. Die Stadt Heide ist das Zentrum. In Meldorf ist das Entlassungslager. Jeder von uns ist froh, endlich nach Hause zu dürfen.

Dem Bauern ist es nicht möglich, uns zu verpflegen. Die Tagesration besteht aus 10 Hartkeksen und dem zehnten Teil einer kleinen Dose Cornedbeef. Was ist wohl besser? Alles auf einmal essen oder es über den ganzen Tag verteilen? Ich habe beides ausprobiert. Der Hunger bleibt so der so. Den Tag vertreiben wir uns mit Kartenspielen und Herumstreunen, so weit man gehen kann. Auf Nahrungssuche, manchmal besteht die Möglichkeit, bei einem anderen Bauern Kleidungsstücke, Socken, Pullover, gegen ein Stück Brot oder ein paar Kartoffeln einzutauschen. Heute bekomme ich für drei Paar Militärsocken ein Einmachglas voll Sülze. Die Bäuerin hat es mir wohl mehr aus Mitleid gegeben. Nach den vollen Strumpfschubladen, die sie mir gezeigt hat, hatte sie meine Socken nicht nötig.

Drei Kilometer entfernt liegt eine komplette Infanterieeinheit, die hier vom Kriegsende überrascht wurde. Sie haben ihren ganzen Verpflegungstross gerettet und zur Verfügung. Ich versuchte es auch einmal dort, wie so viele meiner Kameraden. Doch wenn sie jedem etwas geben würden, hätten sie bald selbst nichts mehr. Es ist jeder selbst der nächste.

Die vergangenen drei Tage war ich so krank und schwach, dass ich auf allen vieren herumgekrochen bin: Ruhr! Gestern hat mich ein Kamerad mit einem Hand-wagen nach Meldorf gebracht ins Lazarett. Man gab mir eine Handvoll Kohletabletten und schickte uns wieder zurück. Für diese Kranken ist kein Platz. Heute Morgen hat mir der Bauer eine Konservenbüchse halb voll Gerstenköner gegeben. Ich soll sie über dem Feuer rösten und dann langsam essen. Jetzt ist es Abend und ich verspüre schon eine leichte Besserung.

DarkMephisto
27-06-05, 10:51
Noch nie hat uns das Heimweh so sehr gequält. Wir reden den ganzen Tag von zu Hause. Die vielen Gerüchte, z. Bsp. dass die Amerikaner gegen die Russen marschieren und wir wieder mitmachen müssen, welche die Runde machen, tragen auch nicht dazu bei, die Stimmung anzuheben.

Meine Ruhr habe ich nun ganz überwunden; welch ein herrlicher Tag heute! In zwei Tagen müssen wir abrücken nach Meldorf, zur Entlassung. Ich kann kaum schlafen vor Freude und Aufregung! – Endlich nach Hause!
Auf dem Marsch nach Meldorf kommen wir an einem Bach vorbei. Dort hinein werfen wir alle unsere Auszeichnungen. Wir haben Angst, dass diese noch ein Hin-dernis bei der Entlassung sein könnten. Einmal waren wir stolz darauf, und jetzt? – Was haben wir anderes getan als die, die uns besiegten? – Für uns war es auch das Vaterland, für das wir gekämpft haben. Was können wir für die Politik der "žGrossen"? Solange die Menschheit besteht, wird es Kriege geben und immer werden es die Völker sein, der kleine Mann auf der Strasse, der am meisten darüber zu leiden hat.

DarkMephisto
28-06-05, 14:41
In Meldorf traue ich meinen Augen nicht, ich kann es nicht sofort begreifen. Auf der anderen Strassenseite, auf dem Gehweg, steht mein Vater. Wie viele Jahre habe ich ihn nicht gesehen, zwei oder drei? – Und nun plötzlich ist er da! Als der erste Schock vorüber ist, laufe ich aus der Marschkolonne zu ihm hin. Aber schon ist ein englischer Soldat von der Begleitmannschaft hinter mir, um den vermeintlichen Flüchtling wieder einzufangen. Doch als er die Umstände begriffen hat, lässt er mich gehen und bleibt ein paar Schritte entfernt stehen. Was sagt man dazu, wenn man sich viele Jahre lang nicht gesehen hat, und nun, tausend Kilometer von daheim, genau zu der Minute, oder Sekunde, in der es möglich ist, trifft man sich! – Zufall? – Und was können wir uns sagen? – Mein Vater arbeitet im Fahrzeugpark einer englischen Einheit als Kriegsgefangener. Er sieht gut aus. Sie haben reichlich zu essen und ich wäre ein paar Kilometer entfernt fast verhungert. Sicher hat er mir das angesehen und er verspricht mir, zum Bahnhof zu kommen mit etwas Essbarem.

Meinen Vater habe ich nicht mehr gesehen; - er ging bestimmt zum "žrichtigen" Zug. Aber dort hat es sicher viele gegeben, die sich über die mitgebrachten Esswaren freuten.

Wir sitzen im "žfalschen" Zug. – Es ist noch gar nicht bis in die Tiefe meines Gefühls vorgedrungen. Irgendwo muss in der menschlichen Psyche eine Schranke vorhanden sein. Als Sicherheit, damit die Leistungsfähigkeit nicht überfordert wird. Trotzdem suche ich nach einem Punkt, einem festen Halt. – Wenn ich doch weinen könnte, vielleicht ginge es mir dann besser! – Wir fahren nicht in die Heimat! Wir werden in Cuxhaven eingeschifft, nach England. Unsere Aufgabe: Minensuchen im Kanal und in der Themsemündung!
Im Marinearsenal Cuxhaven werden wir neueingekleidet; dieselben blauen Uniformen, wie wir sie hatten, ohne die Embleme des Dritten Reiches. Während der ganzen Zeit werden wir überwacht von englischen Soldaten. Die Verpflegung wird besser, amerikanisch. – Wir sind uns der Gefahren bewusst, die auf uns warten, auch ohne diese Henkersmahlzeit.

DarkMephisto
28-06-05, 14:44
Seit zwei Tagen sind wir in Greenwich bei London in einer alten Schule einquartiert. Vor uns waren auch deutsche Kriegsgefangene da; Flieger, die man schon nach Deutschland entlassen hat. – Heute teilt man uns ein in Besatzungen der englischen und gekaperten deutschen Minensuchboote. Nach altem, bewährtem, preussischem Drill. Unsere Offiziere und Unteroffiziere erhalten wieder Befehlsgewalt. Eigentlich ist wieder alles wie vorher, nur auf jedem Schiff ein englischer Verbindungsoffizier. Von den Engländern, die diese Aktion hier auf dem sicheren Land organisieren, viel Schmus und Versprechungen der Rehabilitierung und Sühne für die uns aufgeladene Schuld. Ich möchte gerne denjenigen kennen, der mir diese Schuld aufgeladen hat. In einem bin ich sicher, dass ich es nicht selbst war, auch wenn die anderen das behaupten. – Warum ist man nicht ehrlich und sagt uns, dass wir als Himmelfahrtskommando verheizt werden? – Auch wir sehen ja ein, dass all die Minen eine Gefahr für die zivile Schifffahrt bedeuten. Aber es sind nicht nur deutsche, sondern auch englische, französische und amerikanische Minen; ja vielleicht sogar russische. Doch der Sieger hat das Recht!
So müssen früher die Landsknechte gelebt haben oder die Schweizer Gardisten. Soldat ohne Rücksicht auf die Nationalität; Soldat als Handwerk, im Dienste irgendeines Königs. Nur unsere Tätigkeit ist eine andere. Wir kämpfen nicht in einem Krieg Mann gegen Mann, sondern im Rahmen eines Waffenstillstandes ohne Rechte gegen die Tücken der im Meer lauernden Minen, die unsere Schiffe in Stücke reissen, wenn wir kein Glück haben oder sonst unvorsichtig mit ihnen umgehen.

Am Tag sind wir unterwegs im Kanal, in der Nacht liegen wir irgendwo vor Anker im Schutze der englischen oder französischen Küste. Wenn wir nach London in den Hafen kommen, werden wir bewacht, weil wir ja Kriegsgefangene sind. So geht das nun schon drei Wochen. Man lebt wieder von einem Tag zum andern, weil man nie weiss, wann es uns erwischt. Gestern haben wir zwei Boote verloren, fast zur selben Zeit. Eins ist auf eine Treibmine gelaufen und das andere flog in die Luft, bevor es sein Suchgerät ausgebracht hatte. Nach den Kartenunterlagen sollten wir noch nicht in dem eingezeichneten Minenfeld sein, So rächte sich eine Ungenauigkeit des Navigators eines englischen Minenlegers. Es war ein englisches Minenfeld zum Schutze der Themsemündung gegen deutsche U – Boote.

Das Essen ist gut, wie in Friedenszeiten. Wir haben genügend Alkohol, Zigaretten, Tabak. Auch die modernsten Suchgeräte für alle Arten von Minen stehen uns zur Verfügung. Trotz allem lebe ich wie einer in der Todeszelle, dem man seinen Hinrichtungstermin noch nicht bekannt gegeben hat. – Wie habe ich mich auf meine Heimkehr gefreut, und nun droht sie jeden Tag mehr und mehr zu entschwinden und fraglich zu werden.

DarkMephisto
29-06-05, 11:48
Jetzt dürfen wir nach Hause schreiben. Heute habe ich den ersten Brief bekommen. Mein Vater ist daheim. Er konnte es nicht begreifen, dass ich noch nicht da war. Ich habe ihnen nicht geschrieben, was wir hier wirklich machen und ich glaube, es ist besser so. – Mich beschäftigen Fluchtgedanken, doch wie soll man von dieser verdammten Insel herunterkommen? Und wir laufen nur englische Häfen an.

Seit einer guten Woche sind wir in London, unser Schiff wird repariert. Wir wa-ren zu nahe, als eine aufgetauchte Ankermine explodierte. –das Leck unter Wasser war nicht zu gross, so dass die Schotten hielten, - noch kamen wir mit einer Schlag-seite davon! – wer wollte, konnte in der Stadt zur Arbeit eingesetzt werden: Schutt aufräumen, den die deutschen Bomben und Raketen hinterlassen haben. Wieder einmal hatte ich das bessere Stück in Händen. Ich arbeite in einer Autowerkstatt. Der Besitzer ist ein lieber Mensch, er hat mich zu sich nach Hause genommen. Allerdings musste er für mich bürgen, und ich hatte ihm versprochen, sein Vertrauen nicht zu missbrauchen. Warum soll ich auch? Ich habe wieder ein Familienleben und an das andere, an das nicht zu vermeidende Ende dieser schönen Tage, will ich nicht denken. – Sein Sohn und seine beiden Töchter, die eine davon in meinem Alter, laden abends Freunde ein und helfen mir, das Andere zu vergessen. Das Haus darf ich nicht ohne Begleitung verlassen. Wie dünn das Eis ist, das sich zwischen uns befindet!

Heute Morgen kam ein englischer Soldat in die Werkstatt. Mein Meister versuchte vergeblich, mich dazubehalten. Auch das Telefonieren mit irgend einer Dienststelle nützte nichts; ich muss leider wieder auf das Schiff zurück. Von der Meisterin konnte ich mich am Telefon verabschieden. Die Jungen waren nicht da und ich liess sie alle grüsssen. Der Meister brachte mich in seinem Wagen zum Hafen, ohne den Soldaten.

Jetzt bin ich also wieder auf dem Schiff. Es ist Abend. Den ganzen Tag waren wir damit beschäftigt, das Schiff seeklar zu machen. Morgen früh fahren wir wieder hinaus in das Ungewisse. Irgendwo in der Stadt ist ein ruhender Pol, den ich mit meinen Gedanken suche, während ich an der Reling stehe und in die Nacht starre, die kalt und neblig über dem Land liegt, als möchte sie meine Gedanken hindern, den Weg zu finden.

DarkMephisto
29-06-05, 12:01
Der Rest des Tagebuches (was vorher und nach diesen Zeilen geschehen ist) ist ohne sehr grossen Zeitaufwand, nicht mehr rekonstruierbar. Ich werde sehen was ich tun kann, eventuell schaffe ich es noch einige Anekdoten zu bringen, doch ich kann nichts versprechen. (Es gibt noch einige Geschichten: Wie die Suche nach überlebenden der Scharnhorst, Kirmes in Tromsö, Äquatortaufe und einige mehr.)
Daher einige abschliessende Worte.

Ende 45 kam mein Vater endlich aus England wieder nach Deutschland und arbeitete 2 Jahre im Salzbergwerk bei Kochendorf, und später bei der Autobahnpolizei.
1954 kam er in die Schweiz, arbeitete als Automechaniker, später als Garagenchef, machte in der Abendschule sein Ingenieurdiplom (gelernter Maschienenzeichner), lernte hier meine Mutter kennen, nja den Rest könnt ihr euch denken http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_wink.gif
Wenn es euch gefallen hat, so freue ich mich, auch wenn das Ganze sehr bedrückend ist, eventuell bietet es etwas zur Diskussion oder wenn ihr Fragen habt, dann fragt nur.

DerZombie
29-06-05, 12:13
Wollte zwar anfangs hier gar nix posten, um das Tagebuch ned zu versauen bzw. die Gedanken vom Thema abzulenken.

Also ich muß sagen, herzlichen Dank das du dir die Arbeit gemacht hast. Habe bis jetzt noch nie n Kriegstagebuch gelesen und deswegen ergreift es mich doch ziehmlich. Von meinem Opa habe ich nichts über den 2. WK erfahren......warum? Keine Ahnung, ich glaube das nicht mal seine Frau wußte wo er überall war. Das einzige was er erzählte war von seiner Zeit in den russischen Gefangenenlager und da auch ned viel. Glaube dein Vater hatte es bei den Tommys doch recht gut erwischt?!?

Ansonsten freue ich mich über jede weitere Geschichte/Berichte die du noch rekonstruieren kannst.

BigDuke6666
29-06-05, 15:35
Danke das du diese Familienerinnerungen mit uns geteilt hast!

Fletcher_Z2
30-06-05, 18:42
Schließe mich meinen Vorredner an - sehr eindrucksvoll http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif

cornholio1981
30-06-05, 19:53
Wirklich wahr, Hut ab! http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif

Das war richtig packend, allein schon aus dem Grund, daß es eine WAHRE Geschichte aus dem Krieg war, nix unverfälscht und schöngeredet.

Sowas sollten sich mal die ganzen Mitläufer der rechten Parteien (REP, DVU, NPD) dieses Landes durchlesen, damit sie mal wissen, welchen Dreck sie verherrlichen und was die damalige Diktatur wirklich gebracht hat. http://forums.ubi.com/images/smilies/cry.gif

Wehrsold
01-07-05, 02:40
Dankeschön..... http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_wink.gif

Schmutt
01-07-05, 05:07
@DarkMephisto,

Sehr spannend - und doch grausam. So schnell vergisst man, das das eigene Leben mehr Wert ist als nur dem Geld hinterherzurennen.

Ich bin ein "Tommi", also auf der "anderen Seite". Mein Großvater hat mir nur von den Bombenangriffen, den V1 und V2 erzählt ... und wie er bei einem Fliegerangiff fast alle seine Arbeitskollegen auf dem Heimweg verlor - er überlebte nur, weil er mitten im Krieg mit seinen Kollegen ein Fahradrennen aus den Dock Yards heraus startete und ganz vorne lag. Die anderen sind im Bombenhagel verschwunden. Es blieb nichts übrig, was auf seine Kollegen hindeuten könnte.

Jetzt, nach so vielen Jahren, lese ich Dein gepostetes Kiegstagebuch und frage mich, wo die Aufzeichnungen meiner Großmutter sind, die ihr ganzes Leben in ein Tagebuch schrieb.

Danke für den indirekten Hinweis!

Der Schmutt

DarkMephisto
06-03-08, 11:37
So, ich meld mich auch wieder mal.

Nach einiger Arbeit nähern sich die Memoiren meines Vaters seinem Ende zu. Wir, (mein alter Herr und ich), konnten in fast 2.5 Jahren Arbeit, einige Erlebnisse wieder rekonstruieren. Im Moment sind es über 44 A4 Seiten in Arial 8, aber es werden noch mehr.

Ich werde wohl nächste Woche mal einen Teil reinstellen können.

Bis die Tage

Schleicher007
07-03-08, 13:48
Moin, moin,

@DarkMephisto

ich bin schwer begeistert und angetan von den Berichten und Erfahrungen die Dein Vater gemacht hat und das er sie mit Dir teilt.
Ich bin sehr gespannt auf die Fortsetzung Eurer Arbeit und ziehe natürlich den Hut Vor selbiger!! http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif

Gruß und immer 'ne Handbreit Wasser unter'm Kiel!!!

KretschmerU99
07-03-08, 14:22
Ja, finde es auch sehr interessant . . ein Glück, daß der Post nochmal hochgeholt wurde, wäre schade wenn der in der Versenkung untergegangen wäre. Sehr aufschlußreich und interessant.

Fette Beute!

Lt.MRomer
08-03-08, 06:46
Also ich finds auch sehr spannend. Und es ist vorallem mal etwas anderes als die "ständigen" U-Boot KTB`s.

DarkMephisto
11-03-08, 06:55
Mal abgesehen von kleineren Fehlern in der Rechtschreibung und Grammatik, steht jetzt ein Grossteil zum Lesen zur Verfügung.

DarkMephisto
11-03-08, 06:56
Prolog
Leider gingen meine Tagebuchaufzeichnungen beim Schiffsuntergang 1944 verloren, nach sechzig Jahren ist es nicht einfach, das Erlebte aus dem Gedächtnis wiederzugeben.
Bewußt vermeide ich in meinen Aufzeichnungen, den Krieg mit all seinen Grausamkeiten, dem Schmerz, Blut und Tod zu schildern. über diese Dinge wurde und wird immer noch genügend publiziert. Dagegen hoffe ich, dass es mir gelingt, zu zeigen, daß auch in einem Krieg Menschlichkeit vorhanden sein kann.
Nie mußte ich in diesem furchtbaren Krieg eine Waffe ergreifen um einen Menschen zu töten, dafür bin ich dankbar und froh, mir ist aber klar, daß die Minen, die wir transportierten, auch Menschenleben forderten.

DarkMephisto
11-03-08, 06:56
Einberufung
Der Krieg ist 1941 in vollem Gange. Ich war 17 Jahre alt. Meine Lehrzeit ging im Frühjahr 1942 zu Ende, und ich mußte wie viele meiner Altersgenossen mit der Einberufung zum Militärdienst rechnen.
Welche Waffengattung mir bevorstand wußte ich nicht. So nahm ich die Sache selbst in die Hand und meldete mich zur Kriegsmarine, ohne vorher die Werbeschrift studiert zu haben. Mein Gesuch mußte allerdings vom Vater unterzeichnet werden, da ich noch nicht 18 Jahre alt war. Doch er verstand meine Argumente (Infanterie bedeutete Rußland), so war er damit einverstanden, auch wenn ich deshalb einige Monate früher eingezogen würde.
Irgendwann war es dann soweit. In Heilbronn musste ich mich gesundheitlich untersuchen lassen im Zusammenhang mit einer Intelligenz und Sportprüfung.
Dann war alles klar, ich war für die Kriegsmarine brauchbar. Nun ging es noch darum, für mich die richtige Laufbahn zu finden. Auf Grund meiner Lehre als Maschinenzeichner setzte man voraus, dass ich mich für die Laufbahn des Navigations-Steuermanns eignen würde. Dann kam notgedrungen der Stellungsbefehl. Am 2. Mai 1942 wurde ich zur 6. SSTA Wilhelmshafen (Schiffstammabteilung) der Kriegsmarine einberufen.
Die erste Phase der Ausbildung fand in Wezep (Holland) statt.
Von wegen schöne blaue Uniformen. In feldgraue Infanterieuniformen wurden wir gesteckt. Dann ging es los, Infanterieausbildung mit allem Drum und Dran. Die Sanddünen- und Kuhlen waren bestens dafür geeignet, aus uns " Sandhasen" zu machen.
Zum Glück war unser Ausbilder-Gruppenführer ein Frontsoldat mit Erfahrung und einem Herz für uns junge Rekruten, - es gab auch andere Â*.
Er war schwer verwundet und für den normalen Kriegsdienst nicht mehr verwendbar, d.h. nicht mehr "KV".

DarkMephisto
11-03-08, 06:57
Rekrutenalltag
Exerzieren bis zum Umfallen. Solange dies im Rahmen der Gruppe stattfand, ging's noch. Doch wenn das in der Kompanieformation, unter dem Befehl des Kompaniechefs durchgeführt wurde, war es nicht mehr schön.
Der Kompaniechef war ein Etappenhengst im wahrsten Sinne des Wortes. Erstens trug er während seiner Aktion die blaue Paradeuniform mit umgeschnalltem Degen und Reitstiefel. Seine sadistischen Befehle und die dazu geäusserten Kommentare waren kaum zu ertragen, jedenfalls waren wir froh, wenn diese Tortur wieder einmal vorüber war.
Der Geländedienst, Zeltbau, Schiessen am Schiesstand war dagegen Erholung. Auch Zeugdienst, Waffenkunde und Spindkontrolle waren notwendig und haben manchem von uns nicht geschadet.
Was allerdings so lustig war, war der "Maskenball". Egal zu welcher Uhrzeit doch jedenfalls nachts: Tenüwechsel, von der Sporthose bis zur feldmarschmässigen Ausrüstung lag alles drin, dazu noch jedesmal antreten im Kasernenhof.
In der Kaserne, wir durften das Areal nicht verlassen, gab es nicht viele Möglichkeiten zur Unterhaltung. Wenn einmal der Dienst zu Ende war, ging es so schnell wie möglich in die Koje. Trotzdem kann ich mich an eine, für mich als 17 jähriger überraschende Situation erinnern. In der Kaserne waren holländische dienstbare Geister angestellt. Eine der Frauen, für mich damals eine ältere, erwischte mich und nahm mich in die Besenkammer.
So erfuhr ich, dass man mit der Zunge küssen kann. Das war der erste Kontakt mit der holden Weiblichkeit. Nur dank meiner Unerfahrenheit habe ich meine Unschuld nicht verloren.
Nach gewisser Zeit, ich glaube 13 Wochen, wurden wir in Blau eingekleidet und für die Vereidigung vorbereitet. Diese fand in Steenwyk auf dem grossen Marktplatz statt. Im Viereck aufgestellt um die 3000 Rekruten. Ein hoher Offizier auf einem Podium vollzog die Vereidigung "für Führer, Volk und Vaterland".

DarkMephisto
11-03-08, 06:57
Matrosen in Blau
Nun waren wir Matrosen in Blau. Der erste Ausgang wurde vom Gruppenführer begleitet, in eine nahe gelegene Waldschenke, später durften wir auch allein ausgehen.
Ich habe ein holländisches Mädchen kennengelernt. Geküsst, geschmust, dabei blieb es. Doch für mich war es eine wunderbare Erfahrung. Das Mädchen wohnte in Zwolle, dahin waren es einige Kilometer, man konnte zu Fuss hinkommen, doch auf ihrem Fahrrad war es schneller und weniger mühsam.
Bei ihren Eltern gab es wunderbare Bratkartoffeln und Spiegeleier, eine gute Abwechslung zum Kasernenfrass.
Es war der militärische Zeitplan, der unsere Romanze unterbrach, wir wurden in ein Durchgangslager nach Halbemond/Ostfriesland verlegt. Um die Zeit totzuschlagen, mussten wir in der Lüneburger Heide (Truppenübungsplatz), eine übung als Marineinfanterie mitmachen.
Dann war es so weit, Scheele, Scheler, Schellhorn und Schnurpfeil ( jetzt ging es nach dem Alphabet, bis zum Untergang des ersten Schiffes 1944 waren wir immer zusammen) wurden abkommandiert zur Steuermannschule in Gotenhafen.
In Gotenhafen gab es sicher mehr Marinesoldaten als Einwohner. Im Hafen lag die "Wilhelm Gustloff" als Wohn- und Schulschiff, hauptsächlich für U-Boot Besatzungen. Dann war da noch ein Segelschulschiff für die Ausbildung der Steuermannschüler. Es war immer eine schöne Abwechslung gegenüber der Theorie in der Schule, wenn auch manchmal anstrengend. In die Wanten, Segel setzen, Segel raffen.
Wir hatten noch keine Ahnung, was uns in diesem Krieg erwartet.
Für den freien Ausgang jeden Tag bestand kein grosses Interesse, die Bars und Restaurants waren überfüllt und die Bordelle waren für mich uninteressant.
Irgendwann, irgendwo lernte ich eine junge Frau kennen. Eine Polin. Ich hatte Urlaub bis zum Wecken, so war es kein Problem, dass ich mit ihr ging. Wir hatten eine schöne Zeit.
Nach Beendigung der Schule kommt das Bordkommando, dann ist unsere Zweisamkeit zu Ende. Das wissen wir, doch es belastet unsere Beziehung nicht. Wir liebten uns. Für mich war es wunderbar, von einer erfahrenen Frau in die Variationen der "Liebe" eingeweiht zu werden. Vor allem Zärtlichkeit und Geduld in der männlichen Ungeduld.
Rückblickend haben mich diese Erfahrungen für die nachfolgenden Kontroversen mit der holden Weiblichkeit tiefhaltend geprägt.
Nach einem kurzen Aufenthalt auf der "Gustloff" hat man unser Bordkommando bekanntgegeben, "MTS-Otter", sie liegt in Helsinki.
Also auf, mit Seesack und Marschbefehl sind wir mit der Bahn unterwegs, Scheele, Scheler, Schell horn und Schnurpfeil.
In Helsinki macht uns der Hafenkapitän klar: "Unser" Schiff ist vor zwei Tagen nach Cuxhafen ausgelaufen. Also hier abwarten, bis eine Verbindung nach Reval besteht. Wir wurden in einem Lazarettschiff im Hafen untergebracht, mit der Auflage, uns jeden Vormittag zu melden.
Für uns war es die Gelegenheit, etwas von Helsinki kennenzulernen. Eine blonde Finnin hat mir beigestanden. Sie sang immer, "Du swarse Sigeunär". Scheinbar waren bei ihr alle dunkelhaarigen Zigeuner. Nach einigen Tagen bekamen wir vom Hafenkapitän die Nachricht, dass in Turku ein Frachter auf uns wartet, Richtung Reval. Mit der Bahn nach Turku, wir fanden unser Schiff, so stand der Fahrt nach Reval nichts mehr im Wege.

DarkMephisto
11-03-08, 06:58
Von Reval mit der Bahn nach Deutschland
Doch da war wieder etwas, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Der Zug, mit dem wir fahren müssen kommt von der Ostfront. Diese Züge fuhren nur bis Tauroggen, Dort war die Entlausungsstation. Das heisst, auf der einen Seite standen die verlausten Züge, auf der anderen die Sauberen. Dazwischen war die Entlausung. Wir in unseren blauen Uniformen sahen aus wie die Müller von dem weissen Pulver. Für uns gab es wieder einen Aufenthalt. Zeit für einen Besuch im Wehrmachtskino und in der Kantine. Die deutsche Gründlichkeit kam auch hier, weit im Osten zum Vorschein. Jahrzehntelang wurde der Ackerdreck durch die bäuerliche Tätigkeit im Dorf auf den Strassen abgelagert. Im Bereich des Kinos und den anderen deutschen Dienststellen war der ellentiefe Dreck weggeräumt. Darunter war eine sauber gepflasterte Strasse.
Im Durchgangslager wurden wir mit Verpflegung und Sold versorgt.
Für mich war es das erstemal zu erfahren, was der Krieg besonders für die Soldaten an der russischen Front bedeutet. Auch, wenn sie als Fronturlauber in die Heimat fahren durften.
Nach einigem Umsteigen erreichten wir Cuxhafen und unser Schiff in der Werft. Es war der zweite Weihnachtstag, 26. Dezember 1942.
Im November war ich 18 Jahre alt geworden.

DarkMephisto
11-03-08, 06:58
Cuxhaven
MTS-Otter -Minentransportschiff. Was das bedeutet wurde mir erst später bewusst. Der erste Eindruck war nicht sehr erfreulich. Ein grosser Teil der Mannschaft war im Weihnachtsurlaub. Die zurückgebliebene Bordwache hatte anscheinend ausgiebig gefeiert. Ein Seemann lag mit gekürztem Haupthaar kopfüber in einem Putzeimer und versuchte die diversen eingenommenen Getränke wieder loszuwerden.
Nachher erfuhr ich, für einen entsprechenden Geldbetrag durfte jeder einmal sein Haupt beschneiden lassen.
Nach den Feiertagen begann wieder der normale Tön. Ich wurde zur Backbordwache und zum Steward des Kommandanten eingeteilt. Kapitänleutnant Gertz, auch er war neu auf dieses Schiff kommandiert worden.
Der Steward war verantwortlich für das Wohlbefinden des Kommandanten, Wäsche und Aufklaren. Diese Aufgabe wurde mir nicht zum Nachteil. Wenn meine Freiwache auch manchmal darunter gelitten hatte. Er war im Grunde nicht sehr mitteilsam.
Einmal sagte er zu mir, er liebe meinen schwäbischen Dialekt in dem Hochdeutsch, das ich versuchte, mir langsam anzugewöhnen.
Von ihm wusste ich, er war Handelsschiffkapitän und zur Kriegsmarine dienstverpflichtet. Nach dem Alter könnte er mein Vater sein. Mit dem gegenwärtigen Regime hatte er nichts am Hut. über Religion und Politik wird unter seinem Kommando nicht diskutiert.
Während der Werftliegezeit (kleinere Schäden, meistens durch Flugzeuge) wurde ich zur Dienstleistung auf ein Begleitschiff abkommandiert, das mit anderen die Aufgabe hatte, einen Geleitzug durch den Kanal an die französische Küste zu bringen.
Dann war der Angriff der englischen Schnellboote. Angst war alles, was ich bei dem Feuerzauber fühlte. Ein Deckoffizier hat wohl meine Verzweiflung bemerkt, mich in Sicherheit gebracht und aufgefordert zu bleiben, bis der Angriff vorüber ist.
Das war meine "Feuertaufe".
Nach der Werftliegezeit machten wir Probefahrten in der Nordsee.
In der terrestrischen Navigation musste ich meine theoretischen Kenntnisse in die Praxis umsetzen. Es hat geklappt, wir kamen wieder nach Cuxhafen. Nur als Rudergänger war ich noch nicht so erfolgreich. Der Kommentar des Kommandanten; Schellhorn schreibt seinen Namen ins Kielwasser.

DarkMephisto
11-03-08, 06:59
MTS Otter
Dann kam der Ernst des Krieges auf uns zu.
MTS-Otter- Minentransportschiff. Wenn wir beladen waren, hatten wir 660 Minen an Bord. Diese grossen runden Kugeln mit den Hönern, mit einigen100 kg Sprengstoff geladen. Die Besatzung bestand nur aus 48 Mann. Wohl aus dem Grund, wenn das Schiff durch irgendwelche Feindeinwirkung in die Luft fliegt, war der Verlust an Mannschaften nicht so gross. Also ein Himmelfahrtskommando.
Zuerst fuhren wir durch den Kanal nach Kiel. Zwischen Kiel und Laboe war eine Verladerampe für alle Art von Munition und Minen. Aus dem Hintergrund der Landschaft brachten sie die, wie riesige Kugeln aussehenden hinterlistigen Mordinstrumente. Russische Kriegsgefangene mussten sie auf Schienen herbeibringen und unser Schiff damit beladen. Die Gefangenen hatten eine gut funktionierende Organisation. Notgedrungen. Fünf Mann, vier arbeiten und einer besorgt etwas zu Essen, oder was sonst noch für das köperliche Wohlbefinden notwendig war.
Auf dem Schiff gab es viele Möglichkeiten an etwas Essbares zu kommen, unser Koch ist grosszügig und Essenreste sind sehr willkommen. Die mit einer Schnur um den Leib gebundenen Konservendosen, taugten gut für den Transport. Einer der Wachsoldaten, es waren ältere Reserveleute, die für den "normalen"" Kriegsdienst nicht mehr zu gebrauchen waren hat erzählt, die Russen streiten sich, alle möchten für die Arbeit bei den Kriegsschiffen eingeteilt werden. Mit Alkoholhaltigem musste man vorsichtig sein. Auch Tabak in jeder Form war beliebt. Toilettenwasser, Rasierwasser, diverse Mittel im Lazarett, alles was irgend Alkohol enthält war nicht sicher. Die Gewohnheit, in der Heimat Wodka, sicher nicht vom besten, zu trinken, hat sie wohl vor dem Schlimmsten bewahrt.
Dann war noch die Sache mit unserer Motorjolle. Wir waren, wegen unserer gefährlichen Ladung gezwungen, auf der Reede zu ankern. Diese Jolle war für uns die Verbindung nach Kiel. lm Bereich der Kieler Föde war bei klarer Sicht kein Kompass nötig. Doch bei Nacht oder Nebel war es gut, dass einer vorhanden war. Es war ein einfaches System, das Gehäuse in Form einer Halbkugel, kardanisch aufgehängt und mit Alkohol gefüllt, in der die Kompassrose schwimmt. Die Flüssigkeit hat zum Einen den Zweck, dass die Rose sich träge bewegt und zum Andern, dass der Kompass nicht einfriert. Wieder einmal musste ich nach Kiel, um die Post abzuholen. Beim Fahren hat man unbewusst den Kompass im Auge. Es fiel mir auf, dass sich die Rose unruhig hin und her bewegte. Wieder an Bord fanden wir den Fehler. Das Gehäuse war leer, der Alkohol verschwunden. Es gab nur eine Möglichkeit, die '"Russen". Nicht zu vergleichen mit Wodka, was zählt ist die Wirkung. Von Nachteilen haben wir nichts vernommen.

DarkMephisto
11-03-08, 07:00
Nordkap
Dann kamen die Fahrten zum Nordkap. Unsere Ladung war dazu bestimmt in der Barentssee Minensperren aufzubauen, um die Route der amerikanischen Geleitzüge nach Murmansk zu erschweren. Zerstöer und Minenleger übernahmen diese Aufgabe.
Unser Liegeplatz war der Flottenstützpunkt im Altafjord.
Die Scharnhorst und Tirpitz waren auch da, eine illustre Gesellschaft. Viele Zerstöer und Vorpostenboote.
1943 pendelten wir zwischen Kiel und Nordkap.

Für mich gab es allerdings einige Unterbrechungen. ZBV (zur besonderen Verwendung). Da heisst, man wurde für einen Einsatz auf einem anderen Schiff abkommandiert um die Lücken, die durch den Krieg entstanden sind, aufzufüllen. Diesmal war es ein Zerstöer in Brest. Mit einem Zweiten müssen wir einen Hilfskreuzer, der im indischen Ozean operiert hatte, nach Brest geleiten. Der Treffpunkt war im Südatlantik. Und da war der Äquator und ich das erstemal in diesen Breiten. So kam ich zur Äquatortaufe. über diese Zeremonie wurden schon viele Einzelheiten berichtet. Eitel Freude war es nicht, wenn es auch nachher eine Extraflasche Bier gab.
Wieder in Brest bekam ich 4 Tage Kurzurlaub. Auf dem Weg nach Kiel machte ich zu Hause Station. welch eine überraschung, meine Schwester Erna hat Konfirmation.
Auch im Mittelmeer musste ich auf einer Korvette Dienst tun.
Im Zusammenhang mit dem Afrikafeldzug, der Damals schon verloren war, geleiteten wir Lazarettschiffe und Truppentransporter nach La Spezia. Der Weg zurück nach Kiel bleibt mir wohl immer
im Gedächtnis. Von Personenwagen im Wechsel mit Viehwagen lag alles drin. Wieder war ich dabei, Minen nach Norden zu bringen.
Manchmal gab es auch Momente, in denen man den Krieg vergessen konnte. Gerne mag ich mich erinnern, wenn wir in der Kieler Bucht segeln durften. Unser erster Offizier und der Maschinist hatten Verbindung zum Olympiahafen in Kiel. So konnten wir ein hochseetaugliches Schiff bekommen. Doch die beiden amüsierten sich mit den Damen, die sie eingeladen hatten. Es war nicht zu übersehen, was in der Kabine geschah, wenn sie erhitzt und zerzaust am Oberdeck erschienen. Wir jungen Mannschaftsdienst-
grade widmeten uns dem Segeln. Einmal machten wir einen Tön bis in die Höhe von Bornholm. Allerdings ohne "Damen", das Schiff forderte unsere ganze Aufmerksamkeit. Das waren die
Zeiten, in den man den Krieg verdrängen konnte.
Im September 43 waren wir wieder im Stützpunkt Altafjord. Funker und Navigationspersonal von uns wurden ZBV auf diverse Zerstöer abkommandiert, die durch Feindeinwirkung Soldaten verloren hatten.

DarkMephisto
11-03-08, 07:02
Unternehmen Spitzbergen
Mit Gebirgsjägern auf den Schiffen als Landetruppen sollte die Insel besetzt werden. Die armen Gebirgsjäger und die Seekrankheit, das Wetter war sehr unruhig, wie oft im Nordmeer.
Nach massivem Artillerieduell auf beiden Seiten war es dann durch die militärische überlegenheit möglich, die Situation zu Gunsten der Besatzer zu entscheiden.
Auf dem Weg nach Deutschland. Die Minendecks waren leer. Unser Kommandant war der Meinung, wir könnten in Aalesund Fässer mit Salzheringen laden. In Deutschland lebte man mit Lebensmittelkarten, so dachte man an einen kleinen Zustupf. Es gab sie in verschiedenen Grössen. Die grösseren für das Militär und die kleineren waren für die Mannschaft bestimmt, damit wir sie nach Hause schicken können. Doch der Transport nach der Heimat verlief nicht ohne Zwischenfall. Schlussendlich waren wir ein Kriegsschiff Und kein Frachter mit Personal an Bord, die für das Stauen solcher Fracht geschult sind. Die Heringsfässer waren nicht so gut verstaut, dass sie die stürmische See ohne Schaden überstehen konnten. Also, runter in die Decks, und versuchen Ordnung zu schaffen. Das war leichter gesagt als getan. Die Fässer waren in Bewegung und versuchten sich dem Schaukeln des Schiffes anzupassen. DIES NICHT OHNE Schaden zu nehmen. In diesem Mief von Hering und dem Seegang fiel es manchem seefesten Seemann schwer, den Mageninhalt bei sich zu behalten.
Doch auch das konnten wir mit viel Mühe und Tauen lösen, das war eine Gelegenheit, dass man vergass auf einem Kriegsschiff zu sein. Mein Fässchen schickte ich von Kiel aus nach Hause, dort war es im Zeitalter der Lebensmittelkarten sehr willkommen, ich erfuhr es lm nächsten Brief, der mich trotz dem Problem, dass ich meistens auf See war, erreichte.
In Kiel lernte ich auch ein Mädchen kennen, rein platonisch. Man hatte gerne ein Mädchen, das ab und zu ein Päckchen schickte - selbstgebackener Kuchen war im unserem Speiseplan nicht enthalten.
Ende 43. Wir hatten meinen 19. Geburtstag in Kiel gefeiert und waren wieder unterwegs nach Tromsö. Wie immer mit der gleichen Ladung. Minen und Sonstiges für die Kriegsführung notwendiges
Material. Auf der Höhe von Stavanger "U-Bootalarm". Von der Brücke war das Torpedo zu sehen, doch an ein Ausweichmanöver war nicht zu denken. Mit weichen Knien erwarteten wir den Rumms. Doch es geschah nichts. Das Torpedo hatte uns, dank dem niederen Tiefgang, der uns bei Seegang manchen Kummer bereitet, unterlaufen. Es explodierte trotzdem. Wir fuhren dicht unter der Küste so ist es wahrscheinlich auf einen Unterwasserfelsen aufgelaufen. Unsere Wasserbomben waren in Aktion aber
eine Wirkung war nicht erkennbar, das U-Boot hat uns in Ruhe gelassen. Vielleicht waren wir zu klein, um noch ein Torpedo zu riskieren. Wenn der gewusst hätte:
Kurz darauf konnten wir in die Fjorde verschwinden. Nach Möglichkeit suchten wir immer die Fjorde auf, dort waren wir sicherer. Die MTS-Otter ist als Kriegsschiff für die Defensive gebaut. Flak, Maschinengewehre, Wasserbomben waren zur Verteidigung vorhanden. Wenn wir auch, durch den
Transport der Minen und als Minenleger eingesetzt werden konnten, bei genauer Betrachtung doch nicht nur defensiv waren.
Es gab schöne interessante Begegnungen während der Fahrt in den Fjorden. Da waren die Fischer in ihren Booten. Mit denen wir Rum, Zigaretten und Tabak gegen frisch gefangenen Fisch
eintauschen konnten. Was kümmert das Volk, die Menschen der Krieg, Unter uns war Frieden.

DarkMephisto
11-03-08, 07:03
Tromsö
Wir ankern in Tromsö. Dabei ist"¢ ein tragischer Unfall passiert. Beim Ankern riss die Kette und as freie Ende hat den am Spill stehenden Seemann unter dem Kinn getroffen und den Schädel zertrümmert. Er war nicht mehr zu retten. Gefallen für Führer, Volk und Vaterland. Was würde seine Witwe dazu sagen?
Auch mir ist ein Missgeschick geschehen, allerdings weniger schlimm. Unsere Minen wurden von einigen Zerstöern übernommen. Wir hatten das nötige Ladegeschirr an Bord. Mein rechter Fuss wurde zwischen einer Mine und der Bordwand eingeklemmt. Nach dem zerdrückten Schuh zu urteilen, sah es schlimmer aus, als es war. Aber einige Tage Behandlung im Lazarett an Land, waren notwendig. Das Krankenhaus wurde von norwegischen Ordensschwestern geleitet. Gerne wäre ich noch einige Zeit geblieben, eine der Schwestern hat für mich mütterliche Gefühle entwickelt.
und mich ins Herz geschlossen. Sie versuchte auch mein Bleiben hinauszuzögern, Im Bett sitzend musste ich die gewaschenen Wundbinden aufrollen. Das Warten auf einen Zerstöer, der mich zum Stützpunkt bringen sollte ging viel zu schnell vorbei.
Dann kam der Abschied, und der Krieg hatte mich wieder. Es war Anfang Dezember 43 und Polarnacht, als ich auf "meinem" Schiff im Altafjord landete.
Von hier aus versuchte die deutsche Kriegsführung den Weg der amerikanischen-englischen Geleitzüge nach Murmansk zu stöen. Diese Schiffe waren beladen mit Kriegsmaterial für die russische Armee. Mit Minensperren, U-Booten versuchte man diese Aufgabe zu lösen. Auch überwasserstreitkräfte waren dafür vorgesehen.
Das waren das Schlachtschiff "Scharnhorst" und Zerstöer.
Die "Tirpitz" war auch im Stützpunkt, Doch sie war von engl. Mini U-Booten beschädigt worden und nicht einsatzfähig.
Weihnachten 1943 war ein schwarzer Tag für die deutsche Kriegsmarine. Am zweiten Weihnachtsfeiertag wurden die "Scharnhorst" und einige Zerstöer für den Angriff auf einen amerikanischen Geleitzug eingesetzt, der auf dem Weg nach Murmansk war. Doch der Geleitzug war von starken engl. und amerik. Streitkräften begleitet. Gegen diese übermacht hatte die Scharnhorst keine Chance, sie wurde besiegt und versenkt. Bis die Zerstöer eintrafen, war alles vorbei, sie konnten nur noch die in ihren Schwimmwesten treibenden Leichen bergen. überlebende gab es keine mehr.
In unseren leeren Minendecks hatte es genügend Platz um die Särge für den Transport nach Deutschland auf zunehmen. Eine traurige Fracht - In Kiel an der Bahnhofspier wurden sie ausgeladen. Irgendwie ist es publik geworden. Viele Menschen standen auf der Pier, wahrscheinlich waren auch Angehöige der Toten darunter. Für mich war es eines des Schlimmsten, das ich in diesem Krieg erlebt habe. Es ist schwer für mich, dieses Leid, verursacht durch den Krieg, kann ich nicht vergessen.
Doch für uns ging er weiter.

DarkMephisto
11-03-08, 07:05
Skagerrak
Obwohl wir oft in diesem Seegebiet unterwegs waren, mag ich mich nicht erinnern, dass einmal kein schlechtes Wetter und entsprechender Seegang war.
So war es auch das erste Mal, als ich mit nach dem Norden fuhr. Wir waren im Januar in Cuxhafen aufgebrochen. Der Weihnachtsbaum war immer noch an Bord. Da hatte einer die fixe Idee, der Baum muss im Masttopp befestigt werden. Ich war der Jüngste, warum es der Jüngste machen soll, war mir nicht klar, aber ich war dran. Das Wetter war nicht schön für diese Aufgabe. doch was nützt das, der Baum muss rauf. Bei der Schaukelei wurde ich am Toptau angebunden und es ging über die Mastleiter aufwärts. Der Baum ist im Top, wenn auch nicht gerade. Die anschliessend vom Kommandanten spendierte Flasche Bier war angebracht, der mit der Idee und alle andern waren in die Spende eingeschlossen. Einer für Alle, alle für Einen.
Das andere Erlebnis war weniger schön. Wir waren im Skagerrak, als die Zylinderkopfdichtung an unserem Dieselmotor ihre Pflicht nicht mehr erfüllte. Mit Müh und Not ereichten wir die Werft in Horten im Oslofjord. Einige Tage Ruhe taten uns gut.

DarkMephisto
11-03-08, 07:06
Eisfahrt
Wir waren im Nordmeer auf der Heimreise. Sturm, raue See, jeder Wassertropfen gefror an Deck. Das Vorschiff war mit dickem Eis überzogen. An Kriegshandlungen war nicht zu denken. Die Gegenseite hatte dieselben Probleme. Im Süden war es wärmer.
Trotzdem ist es in den zwei Wochen bis Kiel nicht gelungen, mit allem Eispicken das Eis loszuwerden.
In der Kieler Föde hatte eben die Badesaison begonnen, für die Schwimmer
war es eine Freude, wenn sie mit den Eisbrocken aus dem Norden spielen konnten.

DarkMephisto
11-03-08, 07:07
Stavanger
Wieder war es Zeit, Treibstoff und Proviant zu übernehmen. Es war in Stavanger. Die Mannschaft hatte Ausgang. Zu viert gingen wir in den 'Vergnügungspark "Tivoli". Nach kurzer Zeit hatten wir ein paar junge Mädchen im Schlepptau. Man kam sich näher und wir erfuhren, dass sie in einem Pensionat in der Nähe des
Hafens zu Hause waren. Was lag näher, wir brachten sie nach Hause, nachdem der lustige Nach mittag vorüber war. Doch da war ein Portier, ein älterer Mann. Unser Schiff lag in der Nähe und mit einer Flasche Schnaps und überreden konnten wir
ihn beruhigen und davon überzeugen, dass den Mädchen nichts passieren würde. So war es dann auch. wir waren lustig und mit einem Grammophon wurde Musik gemacht. Vielleicht war es dann doch zu laut. Der Portier war sich wohl plötzlich seiner Pflicht bewusst, bevor es jedoch grössere Probleme gab mit Militärpolizei
und so, zogen wir uns zurück. Ein schöner Landgang war zu Ende.
Am Tag danach gingen wir im Fjord zwischen den Felsen zum Schwimmen. Dort habe ich das erste Mal mit Quallen Bekanntschaft gemacht. das brannte recht unangenehm. Ich schreibe immer von "Wir". das waren vier junge Soldaten, die sich zu einer Interessengemeinschaft gefunden hatten. Es waren nicht mehr
Scheele, Scheler, Schellhorn und Schnurpfeil. Der Dienst auf dem Schiff hat uns durch die Einteilung in Backbord- und Steuerbordwache getrennt.

An der Hafenpier in Bergen
Materialübernahme. Es ist ein warmer Sommertag und Schwimmen angesagt. über eine Strickleiter Aussenbords war es leicht ins Wasser und wieder herauszukommen. Für unsere Nichtschwimmer, auch das gab es in der Marine/wurde ein Lademast eingesetzt. Er diente sonst zur Materialübernahme, zweckentfremdet war er
ideal dafür, die Matrosen mit einem Tau um den Leib gebunden, ins Wasser zu lassen. Das war eine lustige Abwechslung, nur nicht für die, die im Wasser hingen, Es war sehr frisch, wie üblich in diesen Breiten. Das Wasser war so klar, dass man einen Teller
bis zum tiefen Grund hinabschaukeln sehen konnte.

Vestfjorden - Lofoten
Es war immer gut, wenn wir bei Sturm die Lofoten an Luv hatten. Bei einer Rückreise war Sturm. Sobald wir aus dem Schutz der Inseln in die Nordsee kamen, hat uns dieser voll erwischt. Es war Nacht, ich musste zu dem Zeitpunkt meine Brückenwache
antreten. Ein steifer Südwest. Wellenberge, Wellentäler wie auf einer Achterbahn. Ich habe die Seeleute, die das nicht ertragen konnten immer bedauert. Bei mir war es umgekehrt.
Nach längerer Sturmfahrt ging es mir die ersten Tage an Land nicht besonders. Immer hatte ich das Gefühl, der Boden schwanke unter mir und mein Appetit war nicht besonders. Dafür konnte ich bei Seegang das Doppelte essen weil die armen seekranken Kameraden nicht am Essen interessiert waren. Auch unser Kommandant als "alter" Handelsschiffkapitän hatte Probleme, die er aber mit trockenem Brot und einem Schluck aus dem Flachmann in den Griff bekam.
Der Gefechtsrudergänger stand am Ruder, das war nicht unbedingt ein gutes Zeichen. Das Schiff war nicht beladen, es hatte wenig Tiefgang und war so ein Spielball der See. Wir fuhren dicht unter der Küste. Ich stand auf der Brückennock und sah zu, wie immer wieder die Unterwasserfelsen zum Vorschein kamen.
Alle waren froh, als wir im Hafen von Bodö Schutz finden konnten.

Schleicher007
11-03-08, 11:32
Moin,moin,

erst mal Danke für die Fortsetzung dieses Themas!!

Wenn das einer der SHIII Moderatoren lesen sollte mache ich den folgenden Vorschlag:
Macht doch ein Ausrufezeichen vor das Thema(wie etwa bei der Screenshotsammlung),damit es nicht mehr in der Versenkung verschwinden kann.

Ich denke es ist wichtig,allem Spielspaß,welches dieses Spiel zweifelsfrei bietet,zum Trotz,nicht den Hintergrund zu vergessen!!!

Gruß und immer 'ne Handbreit Wasser unter'm Kiel!!!

DarkMephisto
11-03-08, 15:42
Eine Heimreise von Tromsö nach Kiel
Diese Fahrten fanden, soweit es möglich war, im Bereich der Fjorde statt. Es war nicht nur der Schutz vor feindlichen Aktionen, sondern auch vor der rauhen See bei Sturm. Doch es lauerten andere Gefahren. In den engen Gewässern war es notwendig, genau zu navigieren und den Kurs zu halten. Dazu war die Befeuerung nicht so optimal, vor allen Dingen in der Nacht. Wir waren bei Nacht, Schneetreiben und schlechter Sicht unterwegs. Südlich von Haratad hatten wir echt Schwierigkeiten. Auch der norwegische Lotse, den wir in diesen Gewässern an Bord nehmen
mussten, konnte es nicht verhindern. Rumms - Ich war auf der Brücke und habe es miterlebt. Das Kommando: AK zurück. - Rumms das Ruder und die Schraube waren kaputt. Wir befanden uns in einem Gewirr von Unterwasserfelsen. Langsam bekommen wir Schlagseite nach Backbord. Rettungsboot zu Wasser lassen und Lecksegel setzen lautet notgedrungen das Kommando. In dieser Situation war ich für das Rettungsboot zuständig. Ich musste mich darin aufhalten, als Wache sozusagen. Man wusste noch nicht wie gross das Leck war und ob das Lecksegel reichte, es
abzudichten. Es war recht kalt, doch mit einer kleinen Flasche "Half and Half" konnte ich es überstehen. In dem ca. 30 Seemeilen entfernten Narvik wurde per Funk ein Schlepper angefordert.
Das Leck konnte gedichtet werden, doch unsere Schraube und das Ruder waren nicht mehr zu gebrauchen. Man schleppte uns nach Narvik ins Schwimmdock. Dieses wurde von Deutschland hierher gebracht, nachdem die Besetzung Norwegens abgeschlossen war.
Landgang in Narvik war nicht sehr interessant. Viele Soldaten aller Waffengattungen, Militärkasino, Kino und wie überall, wo viele Soldaten waren, ein Bordell. Wir gingen an Land und sahen uns die Zerstöungen an, die der Krieg und der Kampf hinterlassen hatte, die abgesoffenen Schiffe lagen auch noch da.
Wir konnten auf dem Schiff wohnen, nur die Toilette und die Dusche durften wir nicht benützen. Verständlich im Dock, doch dort gab es kein warmes Wasser und ich vergesse nicht, wie kalt die Dusche war.
Solche Unfälle, wie bei uns wurden natürlich genau untersucht, wegen Sabotage und so. Die Verhandlung fand beim Hafenkapitän statt. Zeugen war die Brückenwache, der erste Offizier, der Lotse und ich. Nach Aussage des Lotsen hat das Leuchtfeuer an Backbord nicht gebrannt, diese Signale sind keine grossen Leuchttürme, sondern nur kleinere Lampen in einem Gestell auf den Felsen.

Wir konnten diese Angaben nicht bestätigen, denn in so einem Fall trägt der Lotse, der sich ja in diesen Gewässern auskennt, die Verantwortung für eine sichere Fahrt. Während der Werftliegezeit wurde das überprüft und es stimmte, was der Lotse sagte, er war entlastet. wir waren alle froh, dass diese Sache so ausgegangen ist. Die Militärgerichte waren nicht zimperlich, wenn sie Sabotage nachweisen konnten.
Dann war das Schiff repariert und es ging ab nach Deutschland. Wenn auch der Aufenthalt hier nicht sehr befriedigend war, ich wäre gerne noch eine Weile dem verdammten Krieg ferngeblieben.

DarkMephisto
11-03-08, 15:43
1944, Ostsee
Unser Schiff war im finnischen Meerbusen eingesetzt. Durch den Krieg hatten wir die Gelegenheit, vieles von der Welt zu sehen. Leider, Man sah es, doch geniessen war ausgeschlossen, denn der furchtbare Krieg stand im Hintergrund allen Denkens oder Fühlens.
Unser Stützpunkt war die Inselgruppe Kirkomansarie ca. 30 km von Kotka entfernt. Eine der Felseninseln war unterhöhlt und diente als riesiges Waffenlager. Torpedos, Wasserbomben, Minen, Munition in allen Kalibern und alles, was notwendig ist, um Menschen zu töten.
Nahe an der Küste war eine Sauna, nach alter, natürlicher Art. Eine ältere Frau, sicher in den Sechzigern, betreute diese.
Wenn für uns die Möglichkeit bestand, gaben wir uns gerne dieser Art von Köperpflege hin, die unter anderem darin bestand, dass die Frau uns mit frischem Birkenreis auspeitschte. Wenn das Glück es wollte, waren auch Frauen von dem nahe gelegen Kotka da, um diese Freuden zu geniessen. Einer von uns hat dort seine
grosse Liebe gefunden. Sie hatten die feste Absicht nach dem Krieg zu heiraten. Ob das Wirklichkeit geworden ist, weiss ich nicht.
An einem Nachmittag, ohne Vorwarnung wurden wir von den Russen bombardiert. Ich konnte noch die ersten Einschläge im Wasser sehen, dann flogen mir im Kartenhaus auf der Brücke die Bücher um die Ohren. Mit einem Stossgebet erwartete ich das Ende. Warum kommt in so einer Situation Gott ins Spiel? Jahre vorher war er nicht vorhanden. Vielleicht ist doch vom Konfirmandenunterricht etwas hängen geblieben.
Dann nichts wie runter. Einen direkten Treffer hatte das Schiff nicht bekommen, doch auf der Backbordseite musste ein grosses Leck sein. wir nahmen schnell Wasser und bekamen starke Schlagseite. Ich wollte aus meinem Spind noch einiges holen, doch der Wassereinbruch war so stark, dass ich am schnellsten Weg das Schiff ver1iess. Ein grosser Teil der Besatzung war schon an Land. Wir liefen zum Strand hinter die Felsen.
Unter normalen Umständen war die Bunkeranlage gegen jeden Bombenangriff geschützt.
Unglücklicherweise waren wir an diesem Tag mit dem Ausladen der Minen beschäftigt. Diese wurden Auf den Schienen einer Art Feldbahn in das Depot befödert. Ausserhalb des Depots stand eine lange Reihe. Beim Angriff musste eine Bombe nahe der Reihe explodiert sein. Die Splitterwirkung hat eine Mine gezündet und dann ging es wie bei einer Zündschnur in das Depot. Das muss die Auslösung der Katastrophe gewesen sein.
Als die erste Explosion die Insel erschütterte sahen wir, 'wie ganze Bäume durch die Luft flogen. Wenn die grossen Felsbrocken in das Wasser fielen, zischte es. Der Felsen, hinter dem wir Schutz gesucht hatten, bewegte sich und ich hatte Angst, dass er uns zerdrücken könnte. Die zweite Explosion war noch gewaltiger. Zum Glück ist niemand von uns zu Schaden gekommen.
Das Personal in dem Depot, Deutsche, Finnen, auch russische Kriegsgefangene hatten keine Chance, dieses Inferno zu überleben. Ich sah Torpedos, die es um dicke Tannen gebogen hatte.
Auf der Höhe der Insel war eine Funkstation der finnischen Armee. Das war unsere Verbindung zur Aussenwelt. Bedient wurde die Station von Lottas ( finnische Wehrmachtshelferinnen).
Am andern Morgen kam ein russischer Aufklärer um zu sehen, was sie am Tag vorher angerichtet hatten. Dort, wo das Munitionsdepot war, klaffte ein riesiger Krater, die Hälfte der Insel war verschwunden. Unser Schiff hing abgesoffen mit den Stahltrossen an den Pollern der Pier.
Mit Hilfe der finnischen Nachrichtenhelferinnen in deutschen Diensten konnten wir Verbindung aufnehmen mit dem Führer der Minenschiffe. Man holte uns von der Insel nach Helsinki. Dort lag der Minenleger "Roland" vor Anker. Man wartete auf die
Aufstockung der Mannschaft. Was lag näher, wir ~ da.
Die notwendig und brauchbar waren, wurden auf die Roland abkommandiert. Ich war auch dabei. Einige Tage später liefen wir aus, um im finnischen Meerbusen Minensperren zu legen.

Fletcher_Z2
13-03-08, 14:01
Noch mal mein Dankeschön für diese tolle Arbeit, die umso bemerkenswerter ist, da der erste Post aus dem Jahr 2005 stammte.
Respekt !!

DarkMephisto
13-03-08, 16:26
20. Juni 1944
Diesen Tag kann ich nicht vergessen. Wir waren irgendwo auf der Höhe von Narva. am Nachmittag haben uns russische Flugzeuge und Schnellboote erwischt. Trotz aller Gegenwehr, auch der Abschuss einiger Flugzeuge hat nicht verhindert, dass wir
versenkt wurden. Ich stand auf der Brücke und sah die Bombentreffer auf mich zukommen. Im Wasser kam ich wieder zu mir.
Ringsum kein Schiff, da sind Rettungsflosse, schwimmende Kameraden und die Schreie der Verwundeten. Die Toten hingen in ihren Schwimmwesten und konnten nicht untergehen. Durch die Bombentreffer wurden alle Rettungsboote zerstöt und das Schiff sank in wenigen Minuten. Was zur Rettung noch vorhanden war, sind die Flosse, die unbefestigt am Oberdeck lagen. Bei weitem reichten diese nicht aus, um alle Schiffbrüchigen aufzunehmen. Die russischen Schnellboote hatten kein Interesse uns aufzunehmen, eher versuchten sie, zu vermeiden, dass deutsche Hilfe kam. Die Verwundeten hatten zuerst Platz auf dem Floss.
Wir anderen wechselten ab. eine halbe Stunde rein ins Wasser, eine halbe Stunde raus. Ein Leutnant hatte eine Uhr. Er warf sie nach einiger Zeit ins Wasser. es war nicht mehr auszuhalten, alle paar Minuten wurde nach der Zeit gefragt. Irgendwann
verschwanden dann die Russen, Wahrscheinlich rechneten sie nicht damit, dass noch Lebende da waren. Vor Einbruch der Nacht kamen Fährprähme und Landungsboote von Reval und retteten uns.
Das habe ich erst später erfahren, ich war bei der Rettung nicht bei Bewusstsein. Als ich im Lazarett in Reval erwachte, sah ich die Spitzenvorhänge am Fenster. Ich weiss es nicht, aber es könnte möglich sein, dass ich dachte, ich sei im Himmel.
Schlimm war es für die, die im Öl geschwommen sind. Das Öl verätzt die Haut, vor allen Dingen die Schleimhäute. Im Lazarett sah ich diese Kameraden, es war furchtbar. Und ich war froh, noch einmal davongekommen zu sein.
Dann kam die Heimfahrt von Reval nach Dänemark. Wir sind mit geschlossenen Güterwagen unterwegs. Damals Ende 1944 waren in den baltischen Ländern schon Partisanen tätig. Unterstützt von den Russen im Hass gegen die Deutschen. Unsere Bahnlinie wurde gesprengt. Die deutsche Infanterie, die mit im Zug war, konnte diesen verteidigen, wenn es soweit käme. Doch dieser Notfall trat Gott sei Dank nicht ein.
Es war heiss am Bahndamm, wir benutzten die Gelegenheit für ein Sonnenbad. All das ohne Schutz, wir sahen aus, wie gekochte Krebse.
Nach ein paar Stunden ging es weiter. Für uns Mariner war die nächste Station Warnemünde. Wir konnten uns zuerst einmal am Strand aufhalten und
unseren Sonnenbrand pflegen. Einige nette Badenixen standen uns zur Seite, Doch der Sonnenbrand verhinderte weitere Aktivitäten.
Dann kam ein Schiff und brachte uns nach Kopenhagen. Von dort weiter mit der Bahn nach Helsingö. Hier in der Villa "Moltke" wurden wir untergebracht. Wir sollten uns einige Zeit erholen.

DarkMephisto
13-03-08, 16:33
hier käme ein grosser Teil des ersten Teils den ich bereits im Jahr 2005 gepostet habe, wer Bock hat, kann sich die ersten Einträge des Threads ansehen.

Ich werde später einen Link zu der finalen Version des Tagebuchs posten, aber vorher muss noch einiges getan werden.

Einige der folgenden Einträge sind nur grob bearbeitet und nicht ganz in der korrekten Reihenfolge der Abläufe.

Leider sind nur noch 3 Fotos aus dieser Zeit übrig (eines davon schmückt meinen Avatar. Es zeigt meinen Vater nach der Ausbildung an der Steuermannsschule.) Somit wird das finale Dokument zwar bebildert sein, aber grossteils aus Bildern aus dem Internet bestehen.

DarkMephisto
13-03-08, 16:34
Ostsee
Während den Fahrten zum finnischen Meerbusen ankerten wir manchmal in Baltischport, dem früheren russischen Kriegshafen.
Einmal hatten wir Gelegenheit mit dem Kutter an Land zu gehen um die Umgebung zu erkunden.
Wir besuchten eine frühere russische ArtilIeriefestung an der Küste. überraschend wie primitiv die Unterkünfte ausgestattet waren. Immer noch waren die Zeitungsverkleidungen an den Wänden vorhanden. Nicht unbedingt schön, aber wirksam als Isolation.
Weiter besuchten wir eine Bauernfamilie. Zum ersten Mal sah ich, dass man mit allen Tieren, von den Hühnern bis zu den jungen Ferkeln in einem Raum wohnen konnte. Es war alles unwahrscheinlich primitiv. Für unsere Art zu leben völlig unverständlich. Die Unterhaltung war entsprechend, mit Händen und Füssen. Alles was dabei herauskam, das nächste Mal, das gab es, brachten wir Essig und Nähnadeln
mit. Dafür bekamen wir Eier, etwas anderes war, aus hygienischen Gründen nicht willkommen.
Dann kam ein neuer Steuermann an Bord. Ein Fischer aus Finkenwerder bei Hamburg. Die aktiven Marinesoldaten wurden langsam knapp, die Verluste waren zu hoch. Man musste nehmen, was zu finden war und dienstverpflichten, wie es damals hiess.
Es gab auch gute Seeleute unter diesen, da beste Beispiel war unser Kommandant. Ich weiss nicht, nach welchen Regeln die Dienstgrade verteilt werden. über die Fähigkeit des Neuen im Nordmeer auf hoher See zu navigieren, waren wir jungen Navigatoren schnell einig. Aber er war unser Vorgesetzter, wenn auch ohne Erfahrung in Menschenführung. Seine Befehle galten und wenn sie noch so unvernünftig waren. Wo ist die Vernunft in einem Krieg?
Seine Befehle galten, da gab es keine Diskussion oder Widerrede.
Einmal musste ich das selbst erfahren, bei einem Ankermanöver in Baltischport. Im Mannschaftsdeck bestand die Regel, dass ein Backschafter eingeteilt wurde. Der Backschafter musste das Essen in der Kombüse holen und im Wohndeck servieren. An diesem Tag war ich an der Reihe, da ich nach 12 Uhr Freiwache hatte. Nach dem der Anker am Grund war, musste ein Navigator mit dem Peilkompass kontrollieren, ob der Anker hält und das Schiff nicht abdriftet.
Der Steuermann gab mir den Befehl, die Ankerwache zu übernehmen. Es war Mittag und ich meldete ihm vorschriftsmässig, dass ich Backschafter sei. In angepasster Lautstärke schrie er mich an, das gehe ihn nichts an, ob ich einen Befehl verweigern wolle. Natürlich nicht, beim Militär droht das Kriegsgericht. Im Weggehen murmelte ich: Leck mich doch am Arsch, du bekloppter Heini.
Er selbst hatte es nicht gehöt, aber ein Unteroffizier, der grade vorbeiging. Er machte Meldung beim Steuermann und dieser beim Kommandanten.
Es war Vorschrift, dass diese Meldungen schriftlich eingereicht werden. Nun kam ein Problem. Der Steuermann hatte Schwierigkeiten, sich exakt schriftlich auszudrücken. Also ging er zum "Schreibstubenhengst". Dessen Aufgabe es war, alles Schriftliche mit der Aussenwelt abzuwickeln.
Nun war der auch nicht der beste Freund vom Steuermann und verlangte eine schriftliche Notiz. Buchstabengetreu gelangte die zum Kommandanten. Das war wohl eine Zumutung und ging prompt zurück. Die Mannschaft verfolgte den Schriftverkehr zwischen dem Steuermann und Kommandant immer über den Schreibstubenhengst. Das war nicht unbedingt die feine Art, aber es trug ein wenig zu der an Bord fehlenden Unterhaltung bei.
Dann war des Kommandanten Geduld wohl zu Ende und er befahl den Rapport. Antreten in voller Uniform mit "hohem Hut" (Stahlhelm). In Anwesenheit von Kläger, Zeugen und dem Kommandant als Richter, wurde ich zu 14 Tagen Ausgangsbeschränkung verurteilt. Einer der Zeugen erwähnte noch während der Verhandlung, im Schwabenland sei die Aufforderung des Götz von Berlichingen
fast als Kompliment anzusehen. Das Urteil bedeutete, ich durfte während der Hafen- oder Werftliegezeit das Schiff nicht verlassen. Besser als das Kriegsgericht, das der Steuermann verlangt hatte.
Nicht in jedem Hafen war der Landgang interessant, so ging die Liegezeit und die Strafe ohne Last vorbei.

DarkMephisto
13-03-08, 16:34
Tilsit
Einmal im Hafen von Tilsit war ich mit Rostpiken und Streichen beschäftigt. eine Arbeit, die jedes Besatzungsmitglied getan hat, oft nur um die Langeweile totzuschlagen.
Der Kommandant kam über Deck und fragte mich, warum ich nicht an Land gehe. Ich sagte ihm, dass meine Strafe noch nicht beendet sei. Darauf gab er mir den Befehl irgendwelche Papiere zum Hafenkapitän zu bringe und mir beim UVD einen Urlaubschein zu besorgen. Von da an interessierte sich niemand mehr für meine Ausgangssperre.
Ich konnte den Ausgang mit einem lieben Mädchen geniessen, obwohl wir nicht die gleiche Sprache gesprochen haben.
Nach diesem Zwischenfall mit dem Steuermann war es verständlich, dass er mich hasste und soweit es möglich war auch schikanierte.
Als junger Navigator hatte ich die Aufgabe, die Seekarten aus unserem Operationsgebiet auf dem Laufenden zu halten. Dazu gehöte die Korrektur und Berichtigung der vorhandenen Minensperren.
Die entsprechenden Daten wurden vom FdMinsch per Funk übermittelt. Im Kartenhaus war ich mit dieser Aufgabe beschäftigt, als der Steuermann erschien und mir erklärte, das sei nicht meine Sache, ich solle verschwinden. (Vielleicht hatte er auch etwas gegen die Schwaben und ihren Dialekt)
Irgendwann später waren wir im Kattegat unterwegs, als uns ein deutsches Minensuchboot zum Stoppen aufforderte. Wir befanden uns in einem Minenfeld. Nach Kontrolle der Seekarten war klar, der minenfreie Korridor war falsch eingezeichnet. Der Umstand, dass die Eintragungen vom jeweiligen Navigator unterschrieben werden mussten, rettete mich. Der Steuermann wurde abkommandiert, In der deutschen Bucht zu fischen reichte scheinbar nicht für die Navigation eines Kriegsschiffes.
Das Minensuchboot brachte uns mit einigem Aufwand in Sicherheit. Ich mag mich nicht erinnern, dass ich FREUDE AN DIESEM Vorfall empfunden habe. Es hätte uns allen das Schlimmste passieren können.

DarkMephisto
13-03-08, 16:34
Eine Heimreise vom finnischen Meerbusen
Die ganzen Tage hatten wir stürmisches Wetter. Wir passierten Rügen und danach war es wirklich schlimm. Wind in Orkanstärke und wir ohne Ladung. Die See kam von vorn. Die Maschinen leisteten alles und wir hatten keine Fahrt, das Schiff war nicht mehr zu steuern. Trotz Treibanker. Man weiss, die Ostsee hat bei diesem Wetter sehr kurze Wellen im Gegensatz zum Atlantik mit seiner langen Dünung.
Einmal stand ich am Heck, haushohe Wellen, die Schraube kam aus dem Wasser, sie heulte auf und tauchte wieder in die stürmische See. Das ganze Schiff bebte und ich
hatte das Gefühl es sei das Ende. Dann war ich auf der Brücke als das Kommando kam, umzukehren und zu versuchen hinter der Insel Rügen Schutz zu suchen. Bei diesem Sturm war das ein grosses Wagnis, wir bekommen die See von der Seite, ein Kentern war nicht ausgeschlossen. Es ging gut, mit der See von achtern erreichten wir Kap Arkona und fanden Schutz im Tromper Wiek.
Die durch den Sturm am Oberdeck entstandenen Schäden wurden ohne Werft behoben. Und das Geschirr in der Kombüse und in den Wohndecks musste ersetzt werden. Wenn wir in der Zukunft Rügen und Kap Arkona passierten, dachte ich an diesen Sturm, er war in der ganzen Zeit der Schwerste, den ich erlebt habe und das in der Ostsee!

DarkMephisto
13-03-08, 16:35
Ein Kurzaufenthalt in Travemünde
In der Nacht waren wir zu viert. Eine Flasche Schnaps hat uns begleitet. Auf einer Parkbank trafen wir eine Frau, die nichts gegen eine Unterhaltung einzuwenden hatte. Nach einigen Drinks hat sie uns zu sich nach Hause eingeladen. Im Hafengebiet war nicht viel los. Also stürzten wir uns in das Abenteuer, was es am Ende auch war. Bei ihr zu Hause ging es auch schnell zur Sache, wir hatten nicht einmal die Stiefel ausgezogen im Bett.
Ohne die Wirkung des Alkohols und der durch Krieg veränderten Moral (man wusste nie, ob man den nächsten Tag noch erlebt) wäre diese Orgle sicher nicht möglich gewesen. Die Frau musste sehr ausgehungert gewesen sein.
Als wir aufgebrochen sind wollte sie noch einen, den Fitje, da behalten. Als Andenken habe ich eine bestickte Schlummerrolle mitgenommen. Diese hat mich begleitet bis zum Untergang der "Otter".
Wenn man von Land zurück an Bord kam, war es in eigener Verantwortung die Pflicht sich zu sanieren. Der UVD-Wache überreichte jedem ein Stäbchen in Form eines Streichholzes. Dieses wurde in die Harnröhre eingeführt um eine Geschlechtskrankheit zu vermeiden. Dass dies nicht angenehm war kann man sich vorstellen. Jeder von uns wusste, man konnte sich selbst entscheiden, es wurde jedem überreicht, der von Land kam. Aber wenn auf See doch der Tripper zum Vorschein kam, galt es als Wehrkraftzersetzung und hatte das Kriegsgericht zur Folge.
Es gab allerdings auch Frauen, bei denen man sicher sein konnte, davon abgesehen, wurden Kondome gratis an uns verteilt.

DarkMephisto
13-03-08, 16:36
HEIMATURLAUB im August 1944
Während dem "Erholungsurlaub" in Dänemark bekam ich 14 Tage Heimaturlaub.
Mein Granatsplitter am Hals war wohl beim ersten Mal nicht professionell behandelt worden. Die Nachbehandlung erforderte einen Verband. Mit diesem war ich auf dem Heimweg. Damals ging die Fahrt mit der Bahn nicht so ohne Zwischenfälle vor sich.
Die deutschen Städte lagen fast ununterbrochen im Bombenhagel der Alliierten. Meine Verbindung war von Hamburg über Karlsruhe nach Heilbronn, Der erste Unterbruch dieser Reise war in Köln. Vor dem Hauptbahnhof mussten wir, alle Reisenden, aussteigen
Gepäck auf den Rücken und zu Fuss weiter- Der Bahnhof war nicht mehr funktionsfähig nach dem nächtlichen Bombenangriff. Aber nach dem Bahnhof ging es doch weiter. Ohne Zwischenfall.
Von Karlsruhe nach Heilbronn war eine Nebenbahn. Ein Marinesoldat war in Süddeutschland nicht jeden Tag zu sehen. Ich fühlte das, im Abteil war ein Junge mit seiner Mutter und hat mich immer angesehen. Ein Matrose, verwundet, mit den neuen Orden war doch eine Sensation.
Zu Hause nahm sich zuerst meine Mutter der Verletzung an. Sie wendete Umschläge mit Heilerde an und ich musste im Gartenhäusle sitzen und die Sonne geniessen. Nach einigen Tagen benötigte ich keinen grossen Verband mehr.
Anschliessend widmete ich mich der Heimat und den Verwandten. Wie es in so einem Fall üblich ist wurde ich überall herumgereicht. Eine Kusine Paula genoss es mit Vergnügen, wenn sie mit mir in Neckarsulm durch die Stadt spazieren konnte.
Nach dem Krieg hat sie das oft erwähnt. Davon abgesehen, ich habe das auch genossen. Doch auch dies geht zu Ende und ich musste zurück nach Dänemark.
Sie ging mit mir in eine Vorstellung in Neckarsulm, Soldatenunterhaltung im Lazarett. Berühmte Persönlichkeiten der Unterhaltung waren da, u.a. die pfeifende Ilse Werner.

Rookie1to1
23-03-08, 21:00
Ich schliesse mich meinen Vorredednern an.
Danke DarkMephisto für diese Episoden.
Bei dem Lesen des KTB's kam mir spontan eine Aussage eines Arbeitskollegen in den Sinn, der vor nicht langer Zeit bei den Schwiegereltern eingeladen war.
Er - im zarten Alter von über 40 - verkündete, er habe Hunger.
Worauf hin er aufgeklärt wurde, dass das, was er für Hunger hielte, nicht mehr als Appetit wäre.
Richtigen Hunger habe er nie kennen gelernt...
Vielleicht etwas Off Topic, aber Schicksale machen sich nun mal nicht an Spielen fest.
Mein Grossvater bekam für seine zerschossene Hand das EK 2. Klasse.
Mein Vater - verm HJ - kam als
Volkssturm bis kurz vor Magdeburg, dann war der Krieg vorbei.
Erzählt hat keiner von beiden. Für ersteren war ich zu jung, als er starb, der zweite hielt sich bedeckt.
Während meines Grundwehrdienstes wurde die nächste Generation zum Schiessen, Treffen und Töten ausgebildet.
'Hacken in den Boden, Kolben fest in die Schulterbeuge, anvisieren, Feuer.'
Nebenbei - das damalige G3 war im Prinzip die Fortsetzung des Sturmgewehrs 44 mit Nato-Munition http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_wink.gif
Und wenn ich schon mal wieder völlig vom Thema abweiche, so sei mir doch ein Schmankerl noch erlaubt.
Als eingefleischtem Linkshänder brachte ich die Aufsicht beim Schützen jedes mal zur Ververzweiflung, weil die Waffe und Maqgazin nicht richtig lagen http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_wink.gif
Ich konnte aber überzeugungsarbeit leisten und durfte dann schiessen, wie ich wollte.
Mag sein, dass in der HDV oder ZDV nur Rechtshänder vermnerkt waren http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_wink.gif Fakt war, Hauptsache treffen.

Sorry DarkMephisto, wenn ich jetzt deinen Thread etwas 'missbraucht' habe, aber die Gedanken müssen raus....sorry
Nochmals vielen Dank für das KTB http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif

ltsstar95
24-03-08, 06:24
Ich halte mich kurz:
Gepriesen sei DarkMephisto http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif

http://img301.imageshack.us/img301/6929/siegerme4chtekr5.jpg

Schleicher007
25-03-08, 10:57
Moin, moin Männer,

ich will ja nicht drängeln, aber mich dürstet nach mehr.Wenn es Dir(DarkMephisto)keine allzu großen Umstände macht würde ich gern mehr erfahren! http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_rolleyes.gif

Gruß und immer 'ne Handbreit Wasser unter'm Kiel!!!

DarkMephisto
25-03-08, 12:10
So, mir liegt jetzt die endgültige Fassung vor, aufgrund einiger Änderungen in der Textreihenfolge, werde ich einen neuen Thread starten, dieser wird bereits hier gesachriebenes beinhalten. Aber ich denke übersichtshalber wird das nicht so tragisch sein.

Auch danke ich den Kommentatoren, es motiviert mich noch einen Schuss mehr, wenn ich sehe, dass sich andere dafür interessieren und eventuell auch noch Anekdoten aus der Vergangenheit bringen.

mfg

Vossi1972
25-03-08, 12:57
Moin,

auch von mir ein große Lob, super arbeit. http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif Ein sehr guter Beitrag dazu das Geschichte nicht vergessen wird.

Ich bin auch sehr dafür das der Thread mit der überarbeiten Version von einem Moderator oben angetackert wird damit der nicht wieder in den Tiefen des Forum verschwindet. Hoffe einer der Mods schaut hier mal rein.

Grüße Vossi1972

Schleicher007
26-03-08, 05:22
Moin,moin Männner,

@DarkMephisto

Danke das Du mich erhöt hast! Es ist auch eine gute Idee das Du für die "Neufassung" einen neuen post aufmachst.Ich hoffe das dort jetzt keiner mehr "zwischen schriebt",denn dafür könnte dieser post weiterhin dienlich sein!!!

@Vossi1972

Danke,denn Du bist der erste der meine Idee,diesen post oben anzunageln,kongkret unterstützt!!Allerdings sollte man die Neufassung dazu nehmen und wenn man sich an meinen Vorschlag halten könnte wäre es ein sehr gutes Zeitgeschichtliches Dokument!!!

Gruß und immer 'ne Handbreit Wasser unter'm Kiel!!!

Vossi1972
26-03-08, 08:34
Moin,

hab eben mal Voyager532 gebeten die überarbeitete Fassung anzutackern. Und wie ich gerade gesehen hat er das gerade gemacht http://forums.ubi.com/infopop/emoticons/icon_smile.gif

Danke Dir Voyager532 http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif und nochmals ein dickes Dankeschön an DarkMephisto und deinem Vater http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif

Grüße Vossi1972

Schleicher007
26-03-08, 09:01
Moin,

hat ja echt gut und schnell geklappt,super http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif
Danke an Euch beide und keep on rollin' baybe!!! http://www.ubisoft.de/smileys/3.gif

Gruß und immer 'ne Handbreit Wasser unter'm Kiel!!!

DarkMephisto
26-03-08, 12:40
aye, thx fürs antackern und für die Blumen http://forums.ubi.com/images/smilies/11.gif
Ich bin gerade dabei n paar wenige Bilder, die noch übrig sind, einzuscannen, sobald ich fertig bin werde ich sie auf nen Webspace uppen, ich schätze Samstag sollte klappen. (Im Moment sind es nur 3, den Rest müssten wir auf dem Grund der Ostsee suchen)

PS:
Wer es noch nicht weiss: Das Bild meines Avatars zeigt meinen Herrn Papa nach der Marineschule.